Theodor Eichberger (1835-1917)


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XII. Stiftungsfest des Mainzer Bildhauer-Clubs 1882

"Mainz. Am Sonntag den 26. März feierte der hiesige Gauverein sein 12jähriges Stiftungsfest, welches von zahlreichen Mitgliedern und Gästen besucht, den bestmöglichsten Verlauf nahm. Mit einer kurzen Ansprache und einem Willkommen an alle Anwesenden eröffnete der Präsident die Feierlichkeit, worauf der Festprolog vom zweiten Vorsitzenden gesprochen wurde. Das reichhaltige, gediegene Programm entwickelte sich in schönster Weise, nur mussten einige Nummern wegen vorgerückter Zeit ausfallen. Besonders zu erwähnen sind die Solo-, Duett- und Quartett-Gesänge des Mainzer Dom-Quartetts, die heiteren Vortrage eines den Collegen bekannten Komikers, ferner das von einem jungen Mädchen auf der Zither vorgetragene "Gebet der Mutter" und die von Mitgliedern aufgeführte einactige Posse: "Der Mord im Kohlenhof". Am meisten aber erfreuten zwei von Collegen Th. Eichberger verfasste Chorlieder. Das erste verherrlichte in würdiger Weise unser Ziel und Streben, während uns das andere in origineller, komischer Versfolge die Renaissance vor die Augen führt (das eine der beiden oben erwähnten Chorlieder "Renaissance" wollen wir der Originalität halber hier zum Abdruck bringen und dürfte unseren Lesern willkommen sein. Die Red.); sie gefielen beide allgemein und wurden stürmisch applaudirt. Nachdem der Präsident ein Telegramm aus Wien und Glückwunschschreiben aus Berlin, Stuttgart, Königsberg und Nürnberg verlesen, wurde ein "Hoch" den betreffenden Vereinen gebracht, sowie einige Gläser auf das fernere Wachsen und Bestehen des allgemeinen deutschen Bildhauer-Vereines geleert. Gegen 2 Uhr intonirte die Capelle die Polonnaise und hielt der Tanz die heitere Gesellschaft, Alt und Jung, bis zum frühen Morgen beisammen.

Für den Vorstand des Gauvereines der Bildhauer zu Mainz:
Leopold Hädecke, Schriftführer."

(Zeitschrift für Plastik. Nr.5, 1882, II Jg, S. 70/71.)

Das oben erwähnte Lied, "Renaissance", vermittelt interessante Einblicke in Stand und Schaffen eines Holzbildhauers aus dem 19. Jahrhundert:

Renaissance

Mel.: Prinz Eugenius.

Jetzo stimmt nach alter Weise,
Der Skulptur zum Lob und Preise,
Ein altdeutsches Liedlein an;
Alldieweilen, da verschwunden
Zopfstyl und barocke Kunden,
Sich ein bess'rer Styl bricht Bahn!

Sintemalen selbst die Wirthe,
Schätzend schönen Schnitzwerks Zierde,
Treiben jetzund Kunst-Depense!
Manche Trinkstub', gar sehr stolze
In gebeiztem Eichenholze,
Sieht man à la Renaissance.

Von den Wänden schauen Englein
Mit ganz kugelrunden Wänglein
Auf die Zecher ringsumher;
Frauenköpfe, Satyrfratzen 1,
So mit Flügeln wie mit Tatzen,
Und der Ungeheuer mehr;

Laubwerk, Schnörkel, Eierstäbe
Und die rankenreiche Rebe,
Fein und säuberlich geschnitzt;
Früchtekränze, Sparrenköpfe,
Karyatiden wie auch Kröpfe
In der Trinkstub' sieht man itzt!

Und die jetzo wir hier sitzen,
Sind es, die das Alles schnitzen
Kunstreich, sonder grossen Dank,
Dass das Auge sich 'erlabe,
Dass der Zecher Freude habe
An dem edlen Bacchustrank.

Wacker heisst's da zugegriffen
Mit den Eisen, scharf geschliffen,
Wie mit Feil' und Ziehkling' auch;
Sauber schneiden - nicht gebummelt -
Und mit Glaspapier gefummelt,
Also will's bei uns der Brauch.

Sintemalen wir gern schaffen,
Gern für uns etwas erraffen, .
Weil nach Brod ja geht die Kunst,
Wollen wir vor allen Dingen
Suchen fürder zu erringen
Uns der wack'ren Wirthe Gunst.

So hinfüro alle Schenken
Erst ans Neu', wie. wir's uns denken,
Werden altdeutsch ausstaffiert,
Wird, wann wir uns bass bemühen,
Neu auch unsre Kunst erblühen,
Wie es ihr gar wohl gebührt.

Darum woll'n wir wacker zechen,
Fleissig bei dem Wirth vorsprechen,
Dem modernen Kunst-Mäcen;
Woll'n so lange bei ihm sitzen,
Bis er seine Stub' lässt schnitzen,
Und dann an die Arbeit geh'n!

 

Das zweite Lied, "Unser Streben", geht recht schnell von der Schönheit der Kunst zu der Schönheit der Damen über:

Unser Streben.

Mel.: Dort wo der Rhein &c.

Willkommen, liebe Freunde und Collegen,
Zum Stiftungsfeste, das wir heut' begeh'n!
Die Eintracht wollen wiederum wir pflegen,
Das Schöne soll in unserm Kreis besteh'n.
:,: Das Schöne sei, anmuthig, frei
Mit frohem Sinn gepaart,
Nach alter, ächter Künstlerart. :,:

Dem Schönen täglich in der Kunst zu dienen,
So will's bei uns allwege der Beruf;
Es zeigen sich nur dann zufried'ne Mienen,
Wenn man mit Fleiss auch etwas Schönes schuf.
:,: Drum nehmen wir auch zum Panier
Das Schöne allezeit,
Dem unser Streben sei geweiht! :,:

Nicht nur dem Schönen, sondern auch den Schönen,
Den holden Mädchen und den lieben Frau'n,
Soll unser schönster Lobgesang ertönen,
Wie wir sie hier in schönem Kreise schau'n;
:,: Denn schöne Kunst und Frauengunst,
Sie geh'n, wie allbekannt,
Seit jeher freundlich Hand in Hand. :,:

Wo wird veredelt Lebensart und Sitte;
Wo wird der Sinn für's Schöne angeregt?
Doch nur in holder, lieber Frauen Mitte,
Die sie getreulich stets gehegt, gepflegt!
:,: Weil Frauenart so lieb und zart
Das Leben uns verschönt,
Mit seinen Mühen uns versöhnt. :,:

So lasst die Gläser fröhlich uns erheben,
Stosst, dass es lieblich klinget, Alle an:
Die Mädchen und die Frauen sollen leben,
Die Führerinnen auf der Schönheit Bahn!
:,: Die stets die Kunst mit ihrer Gunst
Beglückt, sie leben hoch!
Sie leben alle dreimal hoch! :,:

1   Satyr: Eine Dämonenart. Mischwesen Mensch und Ziegenbock in der griechischen Mythologie mit Bocksbeinen und Ziegengehörn.

Artikel aus: Zeitschrift für Plastik. Organ der Bildhauer Deutschlands und Österreichs. Nr.5, 1882, II Jg. Hg. Ludwig Bretschneider u.a. Wien: Wilhelm Köhler.

Theodor Eichberger: "Unser Streben" und "Renaissance".
Im Programmheft zum XII. Stiftungsfest des Mainzer Bildhauer-Clubs am 26. März 1882. Mainz, Reuter.



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