Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Arzt

(2. Fortsetzung)

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Nach einer langen Einleitung und Abhandlung über die Liebe, wobei Albert der eifrigste Verfechter derselben war, fragte er:

"Aber sage mir nur ums Himmelswillen Albert, was bist Du seit vierzehn Tagen für ein Kopfhänger geworden?"

Dieser fuhr zusammen bei der Frage und stotterte verlegen: "Ich? Ein Kopfhänger - wie meinst Du das, Ernst?"

"Nun wie meine ich das" antwortete Ernst mit leichtem Humor: "Du wirst mir doch nicht sagen wollen, Du wärest vergnügt? Muß man Dir nicht jedes Wort abkaufen? Und dabei sinnst und träumst Du den ganzen Tag wie ein Kandidat, der seine erste Predigt halten soll, und alles, aber nur keine Worte zu seinem Text finden kann. Dir fehlt etwas, lieber Freund!"

"Ach das sind eitle Grillen, wie ich deren stets gehabt habe", erwiederte Albert ausweichend. "Unnöthige Gedanken, meinem kranken Gehirn entsprossen."

"Grillen? die mögen es wohl sein, aber keine Deiner gewöhnlichen, welche Du so zu nennen pflegst. Warum willst Du Dir nicht endlich angewöhnen, in mir den wahren Freund zu erkennen? Sei offenherzig, gestehe und sage mir, daß und wen Du liebst, denn, daß es nur einzig die Liebe ist, welche Dich quält, hab' ich längst errathen."

"Die Liebe? Ernst Du hast heute sonderbare Gedanken."

"Durchaus nicht so sonderbar wie Du meinst. Denn wer Dich heute gesehen, als von Marie die Sprache war, muß gewiß glauben, daß Du mehr für sie fühlest, als Achtung und Mitleid gegen ihre Eigenschaft als Prinzipals Tochter."

"Nun ja! ich liebe Marie," erwiederte Albert mit flammenden Augen und gehobener Stimme: "ich liebe sie mit aller Gluth, aller Leidenschaft meines nie befriedigten Herzens! - Verzeihe liebes Bruderherz, daß ich so zurückhaltend gegen Dich war, aber ich schämte mich bisher, Dir diese Thorheit zu gestehen."

"Die reine, edle Liebe ist keine Thorheit, Albert!" sagte Ernst mit Würde. "Sie ist der göttliche Funke im Menschen und wenn sich dieser Funke entzündet, wird er zur allmächtigen Flamme, die uns begeistert, heiligt und unsern Geist emporhebt aus dem gemeinen Schlamme des Alltagslebens, in reinere, himmlischere Regionen. Die wahre Liebe reinigt die Gedanken und macht uns erhaben über alle die elenden Vorurtheile und Gemeinheiten, mit welchen im gewöhnlichen Leben unser Sinn angefüllt wird. Glaubst Du, ich hätte nicht geliebt, weil ich jetzt kalt gegen das schöne Geschlecht bin? Ober glaubst Du gar, ich könne die himmlische Flamme, das selige Entzücken und Verschmelzen der Herzen nicht unterscheiden von dem Reiz gemeiner Kreaturen, welche "an einer schönen Larve Gefallen haben", Liebe nennen, ohne je die beglückende Sympathie harmonirender Seelen zu kennen, zu empfinden?"

"Nein! nein! theurer Ernst, das glaube ich nicht von Dir", rief Albert mit Feuer, "Du bist ein edler Mensch und glaubst an die wahre Liebe".

"Ja, bei Gott, daran glaub' ich und habe sie auch geliebt, diese wahre Liebe; aber leider wurde sie mir zu früh entrissen, die treu Geliebte und ruht schon längst in dem kühlen Schoos unsres Mutterlandes, und ich kann nichts als um sie klagen."

"O traure nicht Freund! Sie schlummert sanft und Dir bleibt doch das süße Gefühl: ich habe geliebt, ich habe besessen! Welches Glück mir nie zutheil ward, und vielleicht - nie werden wird!"

Eine Thräne glänzte in Alberts Auge; dann hub er mit steigendem Affekt an:

"Glücklich ist der, der die Liebe genießet -
Schlürft aus der lautersten Seligkeit Born!
Dem wie ein Träumen das Leben verfließet,
Küssend die Rose und meidend den Dorn.
Mag auch das Schicksal ihm zürnen und grollen,
Liebe versüßet ihm jeglichen Schmerz;
Lässet die schwärzesten Donner verrollen,
Ohne zu schrecken sein liebendes Herz.

Dornig und rauh doch ist jenem das Leben,
Den das Geschick aus der Liebe verbannt;
Der für sein flammendes Leben und Streben
Nimmer die süße Erwiederung fand.
Immer und immer in trostlosen Wähnen
Schweift er verlassen und einsam umher,
Hat für das Leben nur bittere Thränen
Und nur den Tod noch als letztes Begehr.

Liebe, dir! sel'ges Sich-Selber-Verlieren,
Jauchzet das Herz in gedoppeltem Schlag!
Tändelnd und kosend, gleich leichten Zephiren,
Flieht Dir die Stunde, verrinnet der Tag. -
Mit dem Treuliebchen durch's Leben zu schweben,
Treulich ergeben mit Herz und mit Hand,
Stählt und erleichtert uns jegliches Streben -
Kränzet mit Blumen das ödeste Land.

Aber vereinsammt die Laufbahn zu gehen.
Nimmer erquicket durch liebende Lust:
Bringet das kreisende Herzblut zum Stehen -
Tödtet die schönsten Gefühle der Brust. -
Nicht so ein liebendes Herz sich zu wissen,
Ihm die geheimsten Gedanken zu weih'n,
Ohne zu lieben und ohne zu küssen:
Elendes Dasein! O, schmerzliche Pein!

Wenn die Gedanken harmonisch sich einen -
Traulich das Herz sich dem Herzen erschließt,
Liebchen dem Jüngling hilft lachen, hilft weinen:
Göttliches Glück! das dann Beiden ersprießt!
Liebe begeistert! Mit mächtigen Schwingen
Steiget der Geist zu den Sphären empor!
Träumt bald von hohen und göttlichen Dingen -
Flüstert bald leise dem Liebchen in's Ohr.

Aber die Wünsche, Gefühle und Schmerzen
Bergen zu müssen in eigener Brust:
Modelt zu Stein die gefühlvollsten Herzen,
Tödtet im Keim jede irdische Lust! -
Drum, wenn die Liebe in heißem Verlangen
Mächtig das Herz eines Jünglings bedroht,
Und er Erwiederung nicht kann erlangen:
Bleibt ihm nur einer der Wünsche - der Tod!"

Als Albert geendet, umarmte ihn der Freund und drückte ihn heftig an das tiefbewegte Herz.

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Theodor Eichberger: Der Arzt. Novelle. (2. Fortsetzung)
In: Mainzer Anzeiger Nr. 99 vom 29. April 1855, S. 392-393


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