Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Arzt

(5. Fortsetzung)

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I. Die Kranke

In einem einfach, aber geschmackvoll möblirten Zimmer des Herrn Hübner lag dessen älteste Tochter Marie krank darnieder. Die Fenster waren dicht mit Vorhängen verhüllt und ließen nur wenig die ersten Strahlen der erwachenden Morgensonne durchdringen. Die sonst so blühende einundzwanzigjährige Jungfrau lag auf dem Krankenlager, verwelkt, mit blassen eingefallenen Wangen, violetten Lippen, starr, anzusehen wie eine junge Leiche, wenn nicht das leise, kaum wahrnehmbare auf- und niederwogen des Busens Leben angedeutet hätte. - Und doch war sie noch schön und die zerstörende Fieberkrankheit hatte die lieblichen Züge noch nicht ganz zu verwischen vermocht. Das regelmäßige Provil zeichnete in sanften Biegungen und Wölbungen das schönste Ebenmaß eines künstlerisch gebildeten Gesichts. Die blonden Haare, welche unter dem feinen Nachthäubchen in üppiger Fülle hervorquollen, harmonirten in sanftem Contrast mit dem durchsichtig, weißen, durch die Krankheit etwas bläulich schimmernden Teint, und die großen, seelenvollen blauen Augen strahlten noch im matten Feuer, gleich der Sonne, wenn sie bemüht ist, die Nebelschleier eines Herbstmorgens zu durchdringen. - Sie hatte die Nacht in heftigen Fieberphantasien zugebracht und war jetzt, nach überstandener Hitze und einem kurzen Schlummer, ruhig und geistesanwesend. die Nachtlampe brannte noch düster und warf einen matten, dämmerartigen Schein auf die Gegenstände, wodurch das Zimmer ein gleichsam melancholisches Aussehen bekam.

An dem Bette saß Louise, die jüngere Schwester, das schwarze Lockenköpfchen auf die Hand gestützt, und nickte zuweilen, schlaftrunken durch die Nachtwache, vor sich hin. Die beiden waren Herrn Hübners einzige Kinder und hingen mit wahrer schwesterlicher Liebe aneinander. Louise hatte es sich nicht nehmen lassen, schon seit acht Tagen beständig bei der geliebten Schwester zu wachen und scheute keine Mühe und Entbehrung, um ihr durch die sorgfältigste Pflege und einen heitern unverwüstlichen Humor, ein Erbtheil der Töchter Mutter Even's, die Leiden der Krankheit zu erleichtern. - Weinte sie auch oft in ihrem Zimmer heiße Thränen um Marien, denn ein unschuldig fröhliches Gemüth besitzt, wenn auch nur vorübergehend, ein eben so tiefes Mitgefühl, so zeigte sie dieser doch immer ein freundlich lächelndes Gesicht und ihr Mund verkündete stets Trost und Hoffnung.

Marie machte eine leise Bewegung mit dem Arm als Zeichen ihres Wachseins und gleich war aller Schlaf von dem guten Kinde gewichen. Sie drückte einen Kuß auf Mariens Lippen, wünschte ihr einen freundlichen "guten Morgen" und fragte, ob sie etwas begehre.

"Ach liebe Louise," lispelte Marie mit schwachklingender Stimme, "ich habe einen sonderbaren Einfall. Ich fühle mich eben so recht wohl und möchte gar zu gern wieder eins von meinen Lieblingsgedichten hören, denn ich muß diese Seelenspeise schon lange Zeit entbehren und verlange sehr darnach. Willst Du mir nicht etwas aus Elisens Liedern vorlesen?"

"Mit Freuden, theure Marie!" rief Louise und eilte zum Bücherschrank, wo eine schöne Auswahl unsrer besten vaterländischen Classiker aufbewahrt war. Sie nahm die zierlich in rothen Saffianeinband mit Gold bekleideten, gemüthvollen erquicklichen Gedichte der edlen Sängerin Elise von der Recke, und setzte sich zur Lampe.

"Lese mir Aldo's Bild, Louise!" sagte Marie.

Louise suchte dieses erhabene Gedicht, das einst den großen Seume wenige Tage vor seinem Tod so sehr entzückte, und begann mit gedämpftem Ton:

Aldo's Bild.

"Liebes Bild, du hebest
Meinen Geist empor!
Immer, immer schwebest
Du der Seele vor.
Drückt mich stilles Leiden:
O, so ruft dein Blick
Hohe Seelenfreuden
In mein Herz zurück.

Blinkt aus dunkler Ferne
Mir die stille Pracht
Feierlicher Sterne
Durch die Mitternacht:
Dann hebt aus der Schranke
Dieser Spanne Zeit,
Liebend, mein Gedanke
Sich zur Ewigkeit.

Jede Herzensgabe
Theilt mein Geist mit Dir;
Selbst am finstern Grabe
Nahst du tröstend mir;
Sprichst: "Zu allen Fernen
Lieben Seelen fort;
Hinter jenen Sternen
Hält die Liebe Wort."

Marie war bis zu Thränen gerührt, und wiederholte: "Hinter jenen Sternen hält die Liebe Wort."

"Gute Schwester! Du weinst ja?"

"Ach; es sind Thränen der Rührung, die ich weine über diesen herrlichen Gedanken."

"Herzensschwesterchen! Du trägst auch ein solches Bild in Deinem Herzen, das darfst Du mir gar nicht wegleugnen! Denn Du sprichst in Deinen Phantasien immer von einem Jemand ohne Namen. Ja, ja, werde nur recht schamroth! Ich hab's errathen, Du bist verliebt! Nicht? Sag mir's nur."

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Theodor Eichberger: Der Arzt. Novelle. (5. Fortsetzung)
In: Mainzer Anzeiger Nr. 103 vom 4. Mai 1855, S. 409


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