Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Arzt

(6. Fortsetzung)

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"Du kömmst ungestüm mit Deiner Frage," sagte Marie sanft. "Aber ich will aufrichtig gegen Dich sein. - Heiße leidenschaftliche Liebe kann ich es nicht nennen, aber ich kann das Bild eines gewissen Mannes nicht aus dem Herzen verdrängen und fühle mich unwillkührlich angezogen nur an ihn zu denken, obgleich ich fast noch kein Wort mit ihm gesprochen habe. - Du mußt nicht lachen, liebe Louise, wenn ich Dir sage: daß ich mir schon auf das Bestimmteste vornahm, nicht an ihn zu denken, weil ich gar wohl weiß, wie sehr die geistige Aufregung meine Krankheit verschlimmert, aber immer und immer wieder steht sein Bild in meinem Herzen und die Seele träumt in süßen Wallungen von ihrem Ideal!"

"Ei so nenne mir doch den Mann, der hoffentlich in unsrer Stadt sein wird, damit ich ihn holen kann, vielleicht wird er Dich bald gesund machen."

"Nein! Erlaß mir's, Dir jetzt seinen Namen zu nennen; ich werde Dir später alles sagen."

"Nennst Du mir ihn nicht? O wie falsch Du bist! Ich könnte wirklich böse auf Dich werden, wenn ich Dich nicht so gar lieb hätte, weil Du mir nicht einmal dieses kleine Geheimniß vertraust. - Geh! sage mir seinen Namen, Mariechen, sonst - -"

Bei diesen Worten Louisens trat der Vater mit vorsichtig leisen Schritten herein und Marie war froh, ihrer neugierigen Schwester für jetzt die Antwort schuldig bleiben zu können.

"Guten Morgen, liebe Kinder!" sagte er und fuhr zu Louisen gewendet fort: "Wie steht es denn mit der Besserung unsrer armen kranken Marie?"

"O mein Vater," antwortete Louise heiter, "Mariechen ist heute Morgen wohler als jemals während der bösen Krankheit und wird auch gewiß recht bald gesund werden."

"Das gebe Gott!" sagte Herr Hübner mit einem kummervollen Blick auf seine kranke Tochter, welcher verrieth,, daß er nicht so ganz an die Wahrheit von Louisens Worten glaubte. Dann ging er an Mariens Bett, ergriff mild ihre abgemagerte Hand und streichelte ihre blassen Wangen, während er tröstend sagte: "Arme Marie! Du scheinst mit betrübt zu sein! Wenn Du auch jetzt viel leiden mußt, tröste Dich gutes Kind! bald wird es besser werden. - Hast Du nicht einen Wunsch an mich? Es wäre mir lieb, Dich mit etwas erfreuen zu können."

"Ach nein, theurer Vater! es fehlt mir an nichts und ich finde die schönste Freude und Beruhigung in Eurer beiderseitigen Liebe und zarten Aufmerksamkeit, die ihr mir in so üppiger Fülle spendet. - Die gute Louise opfert mir ihren Schlaf und alle Vergnügungen, um meinen krankhaften Launen nachzukommen und mich auf das liebreichste zu pflegen, und Du bist so väterlich besorgt, daß ich kaum weiß wo ich all diese Güte und Liebe verdient habe und wie ich Euch danken soll. - Ach! ich weiß wie krank ich bin, aber noch habe ich die süße Hoffnung auf das Leben nicht aufgegeben. - Der gütige lebenspendende Geist, der das unendliche Universum beseelt, wird auch mich nicht verlassen. Er, den jede Zeit und jedes Geschlecht gepriesen; dessen allmächtiges Wirken wir an der strahlenden majestätischen Sonne, an dem geheimnißvollen, tiefblauen Abendhimmel mit den tausenden diamantähnlichen Sternen, in dem furchtbaren Leuchten der gewitternächtlichen Blitze, und in Allem und Jedem, auch dem kleinsten Geschöpfe erkennen: er wird auch mit meinem jungen Leben Erbarmen haben und die erkrankten Organe wieder heilen!"

Nach dieser Rede sank sie erschöpft und sichtlich erregt und angegriffen in die Kissen zurück.

"Du bist ein gutes, ein theures Kind!" sagte der Vater und wischte sich die Augen. "Möge Dein starker Glaube, verbunden mit unsrer festen Hoffnung und den besten Wünschen, bald zur Wahrheit werden."

Auch Louise, das sonst so muthwillige und fröhliche Mädchen, das nur nach dem Augenblick haschte und dessen einzige Philosophie in dem Streben nach Freude bestand, war gerührt von dem innigen Gott-Vertrauen und saß still mit gefalteten Händen und schluchzte leise.

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Theodor Eichberger: Der Arzt. Novelle. (6. Fortsetzung)
In: Mainzer Anzeiger Nr. 104 vom 5. Mai 1855, S. 412


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