Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Arzt

(8. Fortsetzung)

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"Ja ja! Mister Hübner," sagte er im Vorzimmer mit seiner tiefen Baßstimme, "es steht schlimm, sehr schlimm! mit der Kranken und sie müssen sich auf das Aergste gefaßt machen. Die Krankheit ist der Krisis sehr nahe. Haben nun die Organe noch so viel Kraft, diesen kritischen Tumult auszuhalten und die gekochte Krankheitsmaterie glücklich auszuscheiden, so haben wir gewonnen. Ist dieses aber nicht der Fall und das Fieber nimmt noch immer zu, so kann nur Gott allein helfen. - trösten Sie sich mit dem Gedanken, daß wir kein Mittel unversucht ließen, und nichts an der menschlichen Hülfe gemangelt hat. - Die vorgeschriebene Arznei lassen sie gleich bereiten, und ich bin versichert, daß sie heilsam ist, und wohlthätig auf die zu erwartende Krisis wirkt. - Guten Tag Mister! ich werde den Nachmittag nochmals vorfahren." Damit wackelte er bedächtigen Schrittes die Treppe hinab, und ließ seine gewichtige Persönlichkeit in den Wagen heben. Niedergebeugt und trostlos sah ihm Herr Hübner nach.

III. Der Arzt

In dem Comptoir des Kaufmanns, dessen wir uns aus dem ersten Kapitel noch erinnern, waren wieder alle Federn in Bewegung, und zwar mit größerer Thätigkeit als den Mittag zuvor, denn in den Morgenstunden arbeitet der Mensch mit verjüngtem Trieb und elastischer Leichtigkeit, und die Langeweile und Erschlaffung, welche sich besonders bei einer einförmigen Beschäftigung einschleicht, wird erst gegen das Ende des Tages fühlbar. Die liebliche Morgensonne schien durch die hellen Fensterscheiben, und erheiterte mit ihrem prächtigen Glanz sämmtliche Gemüther. - Auch Albert war diesen Morgen munterer als die ganze Zeit her; um seinen Mund spielte ein eigenthümliches Lächeln, und sein ganzes Gesicht zeigte eine entschlossene, resignirte Miene. Er blickte öfter mit unruhiger Ungeduld nach der Thüre, als ob er Jemanden erwarte. Der Buchhalter Klima war ganz seelenvergnügt über die plötzliche Umwandlung seines Freundes und konnte sich gar nicht satt sehen an dem heiteren Gesicht desselben.

Die Thüre des Comptoirs öffnete sich und Herr Hübner trat, von dem Geleit des Doktors zurückkehrend, mit bleichem, verstörtem Gesicht herein. Alle erschracken über das kummervolle Aussehen ihres Prinzipals, und bezeugten ihm durch ehrfurchtvolles Schweigen ihre Theilnahme. Er ging zerstreut umher von Einem zum Andern, blätterte mechanisch in den Papieren und Büchern, schaute dann wieder starr durch das Fenster, ohne selbst zu wissen was er that. Als er so eine Zeitlang in dem Comptoir zugebracht hatte, hub er mit traulich wehmüthigem Ton an zu sprechen: "Ihr lieben Leute! Ihr seht mich in trübem Kummer umherschleichen und werdet nicht wissen, was die Ursache davon ist. Wohl! so will ich euch denn sagen, daß mir ein recht schweres Unglück bevorsteht. Marie, meine älteste Tochter, das mir so liebe Ebenbild meiner längst entschlafenen Gattin, wird, allen Anzeichen zufolge, bald nicht mehr sein! - Ach! wie gerne wollt' ich ihr Leben mit meiner ganzen Habe erkaufen; aber selbst der Arzt hat ihre Rettung aufgegeben, da alle seine Kenntnisse nichts halfen. - Glaubt mir, Leute! Ich habe schon manchen Stürmen des Lebens getrotzt; habe schon Vieles verloren, eine treue Gattin und mehrere Kinder; aber diesen Verlust zu ertragen, fühle ich meine Kräfte zu schwach.. - Zwar lebt sie noch, aber dieses ist kein Leben mehr zu nennen! Sie vegetirt nur zwischen Leben und Tod. - Entschuldigt einen alten Mann, daß er Euch jungen Leuten so klagt, aber mein Herz ist zu sehr von Schmerz erfüllt, so daß ich mich durch Mittheilung etwas erleichtern mußte."

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Theodor Eichberger: Der Arzt. Novelle. (8. Fortsetzung)
In: Mainzer Anzeiger Nr. 106 vom 8. Mai 1855, S. 420-421


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