Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Arzt

(10. Fortsetzung)

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Als er so einige Minuten mit dem Vater, der mit ängstlicher Beklommenheit auf sein Kind schaute, an dem Bett gestanden hatte, schlug Marie ihre seelenvollen blauen Augen auf und erblickte Albert. - Doch nicht die geringste Ueberraschung zeigte sich in ihren Zügen, bei seinem Anblick: denn er war ja jenes geliebte "Bild", welches ihr Tag und Nacht, im Wachen und Träumen vorschwebte, und auch jetzt glaubte sie es wäre nur ein schöner Traum, der ihr seine Gegenwart vorzauberte. - Sie blickte ihn sehnsuchtsvoll verlangend, lang und innig an, als wolle sie die Seligkeit seines Anblicks in der ganzen seligen Fülle kosten und fürchte, daß jeden Augenblick dieses geliebte Phantom verschwinden werde. Doch bald wurde sie durch den Vortritt ihres Vaters enttäuscht, dessen Rede sie überzeugte, daß es wirklich der von ihr so sehr geliebte Mann war, indem er sagte: "Nun liebes Kind, ist Dir wieder wohl? Hattest wieder einen schweren Fieberanfall zu bestehen, arme Marie!"

"O, es ist mir eben ziemlich wohl, lieber Vater! Du willst mir etwas sagen, nicht?"

"Ja! Ich stelle Dir hier Herrn Lindloff vor, welcher Dir vielleicht nicht ganz unbekannt ist, da er schon seit einem halben Jahre aus meinem Comptoir arbeitet; wenn ich nicht irre, habe ich Euch sogar schon einiges von diesem Herrn, unserm deutschen Landsmanne, erzählt?"

Ein leichtes Nicken ihres Hauptes bejahte dieses, während ihre Wangen von einem lichten Purpur übergossen wurden.

Doch der Vater, dieses Erröthen nicht bemerkend, fuhr fort: "Nun, Herr Lindloff, den ich als einen einfachen, soliden jungen Mann schätze, hat mir gesagt, daß er mit der Behandlung der Fieberkrankheiten ziemlich vertraut sei und die bewährtesten Heilmittel dafür lernte, wodurch es ihm schon oft gelang diese Krankheit glücklich zu heilen. Dann hat er mich ersucht, ihm die Behandlung Deiner Krankheit zu überlassen, welches ich gerne zugestand. Da ich nun Herrn Lindloff mein ganzes Zutrauen schenke und von seiner Redlichkeit überzeugt bin, so rathe ich dir liebe Marie, aus väterlichem Wohlwollen, die mit offener Herzlichkeit gebotene Hülfe dieses Herrn freundlich anzunehmen. Doch steht es ganz in Deinem Willen, Mariechen!"

Albert, welcher während des Lobes das ihm Herr Hübner beilegte, bescheiden zurückgetreten war, ging nun zu Marien und sagte mit einer Verbeugung: "Geehrtes Fräulein! verschmähen sie nicht meine schwachen Kenntnisse, mit denen ich Ihnen zu dienen bereit bin, und seien Sie meiner aufrichtigsten Bereitwilligkeit versichert. Ich hätte es nie gewagt, Ihnen Hülfe anzubieten, wenn ich nicht der festen Ueberzeugung wäre diese Krankheit heilen zu können, wenn irgend noch menschliche Hülfe zureichend ist, welches bei Ihnen, werthes Fräulein, nach meinem Dafürhalten noch der Fall ist. Meine Frechheit zu diesem Unternehmen müssen Sie damit entschuldigen, daß die heilige Pflicht als Mensch mich anspornte, einem leidenden Mitmenschen zu dienen, und einem guten Vater, eine so theure Tochter zu retten. Wollen Sie mir daß süße Glück bereiten, Ihnen dienen zu dürfen, so werde ich mit Freuden Alles was ich durch meine wenigen Kenntnisse vermag, aufbieten, Ihre Genesung zu fördern. - nicht wahr Fräulein! Sie nehmen meine Behandlung an?"

"Ich glaube und vertraue Ihnen, Herr Lindloff!" sagte Marie, Albert die Hand reichend. "Versuchen Sie meine zerrüttete Gesundheit zu heilen. - Ich will recht gerne Alles nehmen und befolgen was Sie anordnen, und Sie werden gewiß in mir ein folgsames Mädchen, selbst bei den bittersten Arzneien finden, denn das Leben ist doch gar schön und es ist so schwer, schon in dem Lenze der Jugend von ihm zu scheiden. - Ach! die Hoffnung auf Genesung, die schon zu sinken begann, wird wieder neu belebt, und ich fühle schon bei dem Gedanken frische Kräfte durch meine matten Glieder strömen. - Ja, ich glaube Sie werden mir helfen, wenn wie Sie sagen, menschliche Hülfe noch möglich ist!"

"O gewiß, gewiß! Sie wird, sie muß noch möglich sein!" rief Albert im Uebermaß seiner Freude. - Ja Freude, hohe Freude erfüllte sein Herz über die zutraulichen Worte der Geliebten, die er nun täglich sehen und behandeln durfte, nicht ahnend, daß noch ein reicheres Glück für ihn in Mariens Brust blühte.

Er fühlte nochmals ihren Puls und trat dann mit dem Vater und Louisen, der treuen sorgsamen Wärterin, in ein anderes Zimmer, um den näheren Verlauf der Krankheit zu hören. Wie nun jeder Arzt seine eigene Kuren und Heilmittel hat, so fand auch Albert, daß die vorhandenen Recepte von Dr. Vaage gegen seine Behandlungsweise und Heilmittel gerade entgegengesetzt waren, welches er aber nicht wie gar viele seiner Kollegen, bei den Patienten ausposaunte, um den früheren Arzt auszustechen, sondern er überging es mit schonendem Stillschweigen, und schrieb nach einigem Besinnen selbst eine Arznei auf. Louise wollte dieselbe gleich fertigen lassen, welches Albert jedoch nicht zugab, sondern selbst mit dem Recept zur Apotheke eilte.

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Theodor Eichberger: Der Arzt. Novelle. (10. Fortsetzung)
In: Mainzer Anzeiger Nr. 108 vom 10. Mai 1855, S. 428-429


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