Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Arzt

(13. Fortsetzung)

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"Was meine Handlungen betrifft," sagte Herr Hübner mit Würde zum Doktor, "so bin ich mir nur selbst und meiner Tochter Rechenschaft schuldig, nicht Ihnen. Von dem Manne, der meiner Tochter das Leben gerettet, muß ich Sie jedoch, ersuchen in unsrer Gegenwart mit mehr Achtung zu sprechen. Ihrem Wunsche, denselben zu sehen, und seine Rechtfertigung zu hören, will ich Genüge leisten; nicht deßhalb, weil Sie es wünschen, sondern um Ihre Schimpfreden Lügen zu strafen!"

Hiermit entfernte er sich und kam nach kurzer Zeit mit Albert zurück. "Hier, Herr Lindloff! stelle ich Ihnen Doktor Vaage vor, der zu wissen wünscht, was sie zur Behandlung meiner nun genesenen Tochter berechtigte."

"Sie sind also der Mensch," herrschte der Doktor Albert an, "der sich untersteht in die Arzneikunde zu pfuschen! Sind einer von den Quacksalbern, die schon so vieles Unglück verschuldet haben. - Wenn ich nicht Mitleid mit Ihrem Armensündergesicht hätte, so würden Sie nach dem Zuchthaus marschiren; so will ich aber keine weiteren Schritte thun, und Ihnen bloß sagen, daß Sie es nie mehr wagen werden, Heilkuren zu unternehmen."

"Ihre Schmähungen" antwortete Albert fest und würdevoll, "will ich mit Stillschweigen übergehen, daß Sie mich aber in's Zuchthaus bringen könnten, ist Ihrerseits ein unverzeihlicher Irrthum, denn wir sind in einem freien Lande wo jeder seine Kenntnisse ungehindert ausüben kann, wann und wo er will, welches Sie wohl besser wissen sollten als ich. Was mich übrigens berechtigt, in Ihre Kunst zu pfuschen wie es Ihnen zu nennen beliebt, mögen Sie hieraus ersehen." Dabei zog Albert ein Papier aus der Brusttasche und übergab es dem staunenden Doktor.

Dieser nahm das Blatt, las, schaute auf Albert, las wieder und sagte endlich nach langem hin- und herlesen: "Verzeihen Sie, Doktor Lindloff! daß ich Sie so gröblich beleidigt habe! Warum sagte mir Mister Hübner auch nicht, daß Sie ein studirter Doktor der Medicin sind? - Ihr Doktor-Diplom ist zur Genüge von den besten Göttinger Professoren, wovon ich sogar einige auf meinen Reisen persönlich kennen lernte, ausgestellt, und ich bin Ihnen vollkommene Genugthuung schuldig."

"Bitte Doktor Vaage" fiel Albert ein, "der bedarf es nicht. Wenn man sein Unrecht eingesteht, so ist dieß dem Gegner hinlänglich Genugthuung."

"Nun ja! ich bin halt so ein jähzorniger Brausekopf, und verliere dieses Uebel selbst in meinen alten Tagen nicht. Doch ich werde alles gut machen. Sie werden mir die Ehre nicht versagen, junger College, heute bei mir Ihre Mahlzeit zu nehmen, und mir dabei von meinen Göttinger Bekannten erzählen."

"Ihr Eifer gegen Quacksalberei, den auch ich theile, hat Sie vollkommen gerechtfertigt, und ich darf Ihre ehrende Einladung nicht ausschlagen."

"Nun so fahren wir gleich ab," sagte der Doktor, über den Gedanken an die fette Mahlzeit, sich behaglich über den Bauch fahrend. Dann fuhr er fort: "Auch bei Ihnen, Mister und Misses Hübner muß ich meine Unart abbitten, und Mister Lindloff als einen privilegirten Arzt anerkennen. - Nun zum Essen. Den Misses mein Compliment!"

Damit wackelte er, Albert am Arme fassend, unter Begleitung Herrn Hübners zum Wagen. - Erstaunt sahen Ihnen Marie und Louise nach.

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Theodor Eichberger: Der Arzt. Novelle. (13. Fortsetzung)
In: Mainzer Anzeiger Nr. 111 vom 13. Mai 1855, S. 440-441


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