Der Arzt
(14. Fortsetzung)
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IV. Die Erzählung.
Die Familie Hübner nebst Albert Lindloff saßen am Nachmittag desselben
Tages in heiterer Laune um den Theetisch, wo der aromatische Kaffee in feinen
Porcelaintassen dampfte. In Marien's Zügen lag ein seliges Entzücken. Sie
saß an Alberts rechter Seite und oft, wenn sich Beider Blicke begegneten,
mußte sie ihre Zuflucht zur Tasse nehmen, um ihr holdes Erröthen zu verbergen.
"Nun lieber Herr Lindloff," sagte der Vater, seine leere Tasse
umstülpend, "Sie sollen uns jetzt mit dem Zusammenhang der Dinge und
besonders Ihres Doktor-Diploms bekannt machen. Wir bitten Sie recht sehr,
Ihre Lebensgeschichte, die für uns so interessant ist, zu erzählen, welche
Bitte zwar etwas unbescheiden ist, aber nach den räthselhaften Auftritten
mit Doktor Vaage heute Morgen werden Sie uns dieses entschuldigen."
"O, Sie sollen alles wissen. Ich fühle mich nur zu sehr geehrt, durch
Ihre Aufmerksamkeit für meine Wenigkeit, und bin verpflichtet, über das Vorgefallene
genügenden Aufschluß zu geben. - Da Sie mir gütiges Gehör schenken, will ich
in Kürze meine einfache Lebensgeschichte mittheilen, die geehrten Damen müssen
mich entschuldigen, daß ich Sie etwas langweile."
"Bitte! Erzählen Sie nur recht viel, Herr Lindloff!" sagte Marie
mit holdsüßem Lächeln.
Albert begann: "Mein Vater war in meinen Knabenjahren ein wohlhabender
Schreinermeister in dem lieben Rheinstädtchen, das ich Ihnen früher schon genannt
habe. Er hatte sich, als ein fleißiger umsichtiger Mann, eine hübsche Kundschaft
erworben, und beschäftigte acht und mehr Gesellen. - Wir vier Geschwister erhielten
unter der Aufsicht meiner verständigen, sanften Mutter eine, ich darf sagen
gute, bürgerliche Erziehung, welche aber leider nicht durch sie vollendet ward,
da sie in meinem zehnten Jahre starb. - Dieses war für uns alle und für meinen
Vater besonders ein schmerzlicher Verlust, wodurch letzterer längere Zeit ganz
melancholisch und zur Arbeit untauglich ward. Und in der That hatte er auch
Ursache dazu, denn abgesehen davon, daß er sie sehr liebte und ihre Ehe eine
der glücklichsten war, so war sie auch eine haushälterische, thätige Hausfrau
und hatte dadurch ebenso unsern Wohlstand begründen helfen, wie mein Vater durch
sein Geschäft. Sie war ihm, was jede Frau dem Manne sein sollte, stets eine
treue Freundin und Rathgeberin gewesen, und ließ ihn deßhalb durch ihren Tod
den unersetzlichen Verlust doppelt schmerzlich fühlen. Unser Geschäft ging jedoch,
durch tüchtige Gesellen geleitet, glücklich fort, und auch mein Vater besiegte
endlich seinen Gram durch doppelte Aufmerksamkeit und Thätigkeit für sein blühendes
Geschäft. -"
"So war allmählig mein vierzehntes Jahr herangekommen, die Zeit,
wo mein Vater einen Lebensberuf für mich erwählen mußte. Da er nun schon
lange mit dem Gedanken. umging, mich einer wissenschaftlichen Laufbahn zu
widmen, und seine schönsten Hoffnungen an diese Gedanken knüpfte, und mir
außerdem die Lehrer in ihren Zeugnissen einige geistige Fähigkeiten beilegten,
so wurde für mich das Studium, entweder der Theologie oder Medicin, beschlossen.
Dieses war nun immer mein höchster Wunsch gewesen, und ich freute mich daher
nicht wenig, ihn so schön durch den Willen meines Vaters erfüllt zu sehen.
Darauf besuchte ich bis zum achtzehnten Jahre das Gymnasium meiner Vaterstadt
und machte durch beharrlichen Fleiß einige Fortschritte, so daß die Professoren
nach Ablauf dieser Zeit mich fähig zur Universität erklärten. - Da wir einen
wohlhabenden Vetter in Göttingen wohnen hatten, der kinderlos war, und meinen
Vater öfter ersuchte, eines seiner Kinder einige Zeit bei ihm wohnen zu
lassen, so wurde dessen freundliche Einladung benutzt. Ich bezog die Göttinger
Universität, und verlebte im Kreise meiner dortigen Verwandten die schönste
Zeit meines Lebens, deren ich mich noch immer mit Freuden erinnere.
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Theodor Eichberger: Der Arzt. Novelle. (14. Fortsetzung)
In:
Mainzer Anzeiger Nr. 112 vom 15. Mai 1855, S. 444-445