Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Arzt

(16. Fortsetzung)

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"Nun, diese Ansichten laß ich schon gelten, wenn sie auch vielleicht ein bischen zu viel mit jugendlichen Augen angesehen sind. Fahren Sie mit Ihrer Lebensgeschichte fort," sagte Herr Hübner. Albert erzählte weiter:

"Was soll ich Ihnen ein Langes und Breites über unsern Rückgang erzählen, genug, unser Vermögen, das ohnedem schon zusammengeschmolzen war, ging ganz zur Neige. - Ich konnte keine Anstellung als praktischer Arzt erhalten, weil man mich mit vierundzwanzig Jahren zu jung hielt, und weil auch eben genug da waren. Mein Vater war durch die vielen Unglücksfälle und anstrengenden Arbeiten rasch gealtert und kränkelte, erst unmerklich, dann ward es schlimmer, und endlich mußte er fast beständig das Bett hüten. Ich bot natürlich alles auf, was ich gelernt hatte, und ließ es auch sonst an keiner Bequemlichkeit fehlen, aber an dem siechen Körper war alle Kunst vergebens. Da ich weiter keine Beschäftigung hatte und meinem Vater nichts fehlen sollte, gab ich Unterricht in fremden Sprachen und war wenigstens so glücklich, eine Anzahl Schüler zu bekommen.

"So waren denn anderthalb Jahre unter Anstrengung und mannichfacher Entbehrung verflossen, als ich das Einzige, Theuerste, was ich auf der Welt besaß: meinen lieben, redlichen Vater verlor. - Erlassen Sie mir, den Schmerz zu schildern, dem ich durch diesen unersetzlichen Verlust erlag. Es gibt in der That nichts Schrecklicheres, besonders in der Jugend, wo das Herz heiß und empfänglich ist, als auf einmal zu fühlen, daß man nun ganz allein steht in der weiten Welt mit ihrer kalten, abschreckenden Außenseite; auf einmal allen Kummer in sein eigenes bedrängtes Herz verschließen muß und kein anderes mitfühlendes Herz weiß, dem man sich mittheilen und Trost schöpfen kann. - O, es bedurfte eines schweren Kampfes in dem Inneren, bis ich die Verzweiflung an Welt und Menschen überwand und zu einer gleichgültigen Resignation gegen das unerbittliche Geschick gelangte.

"Aber doch immer ekelte mich die alte Welt mit so vielen schmerzlichen Erinnerungen für mich an, und ich wollte daher mein Glück in Amerika aufsuchen. Schnell war mein kleines ererbtes Gut zu Geld gemacht, welches für die Ueberfahrt hinreichend war und noch einige Gulden übrig ließ.

"Ich glaubte nach dem wenigen Glück, das mir meine Vaterstadt noch gespendet hatte, leichten Herzens scheiden zu können und doch war es nicht so! - Ach, jetzt fühlte ich erst, wie lieb mir alle die Plätze waren, wo ich als Knabe gespielt und gelacht hatte, wie traulich sich so viele Erinnerungen aus der Kindheit an jeden Gegenstand knüpfen ließen. Jeden Tag bis zu meiner Abreise benutzte ich, mich an der wahrhaft schönen Gegend zu ergötzen. Wie da so der liebe Vater Rhein, mit seinen lichtgrünen, schimmernden Wellen, ernst und majestätisch zwischen rebenbekränzten Hügeln dahinrauschte, fühlte ich mich wieder durch diese Schönheiten so stark an die Heimath gefesselt, daß ich fast geblieben wäre. Aber es mußte geschieden sein, es war mein Wille! "O, die Gegend und die heilige Gottesnatur ist wunderschön, gütig und liebreich," sagte ich zu mir selbst, "aber die Menschen mitten in diesem Paradies? Fort von diesen Menschen!" - So nahm ich denn Abschied von dem Grabe meiner Eltern und Geschwister, von meiner Vaterstadt und sagte ihr ein trauriges, ewiges Lebewohl!

"Hier in Amerika konnte ich meinem Wunsch, als Arzt zu praktiziren, nicht sogleich nachkommen und mußte, durch Armuth gezwungen, bei Ihnen, bester Herr Hübner, in Kondition treten, wofür ich aber dem Geschicke freudig danke, das es mich zu einem so wohlwollenden deutschen Manne -"

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Theodor Eichberger: Der Arzt. Novelle. (16. Fortsetzung)
In: Mainzer Anzeiger Nr. 114 vom 17. Mai 1855, S. 453


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