Der Arzt
(19. Fortsetzung)
"Unsere gute Louise kann doch immer fröhlich sein," sagte Marie, Alberts dargebotenen Arm nehmend. Beide wandelten, im Anschauen der schönen Anlagen und tausend süßduftenden Blumen versunken, und von seligen Empfindungen bewegt, still durch die gewundenen Gänge, bis sie eine schöne, traulich winkende Laube erreichten, wo sie sich niederließen. Aus der Ferne ließ sich von neuem Louisens munterer Gesang hören und Beide lauschten:
"Blumen, blühend voller Pracht,
Habet Acht
Vor den losen
Schmetterlingen!
Wenn euch einer Lieb' verspricht:
Laßt ihn
nicht
Bis in euer Herzchen dringen.
Manches Blümchen, unbelehrt,
Ward bethört
Von des Gauklers
kosend Werben!
Und als er sich satt gefreut:
Ließ im Leid
Er das arme Blümchen sterben.
Doch wenn eine Rose sich
Minniglich
Einem Vöglein will vertrauen:
Mach' sie gleich, daß es gelingt!
Vöglein singt
Dann ihr Lob
beim Nestchenbauen."
Als Louise ihren Gesang geendet, hub Albert, den Blick in die Gartenanlagen gerichtet, an: "O wie schön, wie Herrlich, ist es hier! Wie die zarten, an Farbenschmelz wetteifernden Blumen so himmlisch zu schauen sind und die kräftigen Bäume ihre starken Aeste wie zum Schutz über sie ausbreiten. Welche erhabenen Gefühle durchströmen unsre Seele, erheben das Herz zur heiligen Andacht beim Anblick der ewigen Gottesnatur! Alles athmet Liebe und Eintracht, und nur der Mensch, das vollendetste Geschöpf Gottes, läßt sich so oft, gebannt in die kalten Mauern der Städte, hinreißen zu wilden verderblichen Leidenschaften, und mißbraucht den edlen, sonst seinem Geschöpf in so großem Maß ertheilten Gottesfunken, Gefühl, Phantasie, zu gemeinen Lastern. - Ach, wäre doch die ganze Welt ein einziger Garten heiliger Unschuld, darin die Menschen in idyllischer Einsamkeit, in reiner Liebe und Freundschaft wohnen könnten!"
Marie, die in träumerisches Schauen versunken war, fragte nach einer Weile, mit einem seelenvollen Blick auf Albert: "Können wir denn nicht der Liebe und Freundschaft auch in unsern Städten huldigen, wenn wir nur wollen?"
"Ja wir könnten's, theures Fräulein! wenn nicht so manche Hindernisse im Weg ständen."


