Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Arzt

(20. Fortsetzung)

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"Darf mein Lebensretter, dem ich zur ewigen Dankbarkeit verpflichtet bin, so fragen?" antwortete Marie mit Erröthen, als ahne sie, was Albert zu bekennen habe.

"So will ich denn alles klagen; gewähren Sie mir Verzeihung, wenn ich Ihre großmüthige Güte mißbrauche," sagte Albert, mit Feuer Mariens zitternde Hand ergreifend. "Ich liebe Sie! innig und wahr, mit einer Leidenschaft, die ich nicht länger zu beherrschen vermag. - Ja! ich habe Sie geliebt, ehe Sie mich vielleicht kannten und diese Liebe trieb mich mit an, Ihnen meine schwache Heilkunst anzubieten. - O verzeihen Sie, theure Marie! einem treuen, liebend ergebenen Herzen! Längst schon hätte ich es gewagt, meine qualvolle Leidenschaft zu gestehen, aber Sie waren reich und ich arm, und auch jetzt hätte ich Ihre Ruhe, die mir so theuer ist, nicht gestört, wenn nicht die heftige Liebe mich dazu gedrungen hätte. - Darf ich hoffen auf Ihr Herz, theure Marie? Darf ich glücklich sein? - O, geben Sie der stürmenden Brust Gewißheit, wie auch die Antwort lautet!"

Marie, frei und unfähig von Verstellungskunst, sank, überwältigt von Wonne und Seligkeit, an seine Brust und lispelte schluchzend: "Mein Herz ist Dein!" -

"Marie, Du mein!" jubelte Albert und drückte einen langen Kuß auf ihre Lippen, der eine feurige Erwiederung fand. "Ich bin geliebt! O Gott, kaum fass' ich die Wonne! Fast glaub' ich, es ist nur ein schöner glückseliger Traum, der mit dem Erwachen verschwindet."

"Auch ich vermeine zu träumen! - Aber es ist die herrlichste Wirklichkeit. Du, dem ich schon lange mein Herz geweiht hatte, liebst mich! O Albert! Wie schön ist diese Stunde, wie schön die Welt!"

"Ja, die Welt ist schön und gut und göttlich - denn Du bist meine Welt! - Also auch Du, Geliebte, hättest mich früher schon beachtet?"

"Geliebt habe ich Dich! schon lange vor meiner Krankheit, ohne daß ich es selbst wollte. Immer mußte ich nur an Dich denken und war in stetem Kampfe gegen die ängstliche Ungewißheit: ob unsre Herzen je vereinigt würden."

"O Dein süßes Geständniß macht mich unendlich reich und zeigt mir Dein edles aufrichtiges Herz in seiner ganzen Klarheit und liebenden Fülle!" rief Albert, die Geliebte inniger, umschlingend. "Siehst Du, geliebte Marie, daß auch unsre Herzen das steife Cermoniell getrennt hielt und wer weiß, ob wir uns jemals gefunden hätten, wenn nicht der gütige Gott uns so schön und zufällig zusammen geführt hätte."

So flüsterten und kosten die glücklichen Liebenden noch lange, ohne zu bemerken, daß Louise leise herangekommen war. Sie stand eine Weile stumm vor der Laube und schaute mit kindlichem Wohlgefallen auf das Pärchen; dann rief sie, fröhlich in die Hände klatschend: "Bravo! Bravo! Gehört das auch zur ärztlichen Behandlung? - Ich sehe, mein Schwesterchen sträubt sich wenig gegen dieses Heilmittel und nimmt die Küsse ohne Oblaten ein!"

"Louise!" sagte Marie, glühendroth, "Fräulein!" stotterte Albert.

"Nun Ihr braucht nicht so verlegen zu thun!" fuhr diese mit scherzhafter gravitätischer Miene fort, "ich habe schon lange gewußt, daß dieses das Ende der Krankheit sein würde und bin nicht umsonst gleich zu meinen Blumen gegangen. Aber ich wollte Euch böse Menschen nur abpassen, weil Ihr so falsch waret und Eure Liebe vor mir geheim hieltet. - Dir Schwesterchen bin ich denn ganz bitterböse, weil Du immer so gegen die Flatterhaftigkeit in der Liebe geeifert hast und nun selbst Deinem ersten Bild untreu wirst. Weißt Du noch von jenem Bild, wo es heißt:

Hinter jenen Sternen
Hält die Liebe Wort."

"Louise, Du thust mir unrecht!" erwiderte Marie, durch den strafenden Scherz der Schwester gefaßt: "Hier ist der Mann, dessen Bild in meinem Herzen stand, und da er mir sein Herz geschenkt, bedarf's keines Bildes mehr."

"Nun Fräulein Louise," sagte Albert, "Sie verzeihen doch, daß wir Sie nicht früher ins Vertrauen gezogen, da wir uns selbst die Liebe noch nicht bekannt hatten. Hier, in dieser schönen Natur erst, haben sich die Herzen gefunden und die Seelen in gegenseitiger Harmonie vereinigt!"

"Das ist ein hübscher Fund! Was würde mich's nützen, wenn ich Euch auch gram sein wollte? Ich gratulire!"

"Du bist doch immer meine liebe muthwillige Louise!" sagte Marie, sie herzlich umarmend und zu Albert gewendet, fragte sie: "Nun Herr Doktor, wird es Zeit sein, daß wir nach Haus gehen!"

Albert nickte bejahend und sie verließen, in der seligsten Stimmung, den Garten. Auf dem Weg sagte Louise: "Ich habe im Voraus gedacht, daß Ihr das Blumenpflücken vergessen würdet und deßhalb drei hübsche Sträuße gemacht, womit wir dem Vater ein Geschenk machen wollen. - Nehmen Sie einen, Herzen heilender Aeskulap! Und Du, Bräutchen, nimm auch einen, damit der Vater nicht denken muß, wir hätten ihn vergessen."

Als sie in die Wohnung kamen, trat Ihnen Herr Hübner vergnügt entgegen und sagte: "Seid Ihr wieder da? Sieh doch, wie Euch die erquickende Gartenluft so wohl gethan hat; Ihr seht ja alle aus, wie blühende Blumen! - Weil Du nun wieder so ganz gesund bist, liebe Marie! habe ich Dir und Herrn Lindloff, Deinem freundlichen Retter, zu Ehren ein kleines Familienfest beschlossen. Da ich morgen gerade von Geschäften frei bin, so werdet Ihr mir die Freude nicht verderben und es billigen."

"Vater, Du bist zu gütig! und machst mich beschämt durch Deine väterliche Aufmerksamkeit," antwortete Marie freudestrahlend.

"Stille Kind! Ich werde noch in meinen alten Tagen lüstern nach jugendlichen Festen. - Also meine muntere Louise wird die Stelle der Hausfrau vertreten und für eine wohlbesetzte Tafel sorgen! - Ich gehe, meine Bekannte und Handelsfreunde einzuladen und Sie, Herr Lindloff, als Ursache dieses Festes und glücklicher Arzt meiner Tochter, werden nicht fehlen."

"Gewiß nicht!" antwortete Albert, des glücklichen Mannes dargebotene Rechte freudig ergreifend.

"Nun Adieu Ihr Lieben!" rief Herr Hübner forteilend.

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Theodor Eichberger: Der Arzt. Novelle. (20. Fortsetzung)
In: Mainzer Anzeiger Nr. 119 vom 24. Mai 1855, S. 472-473


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