Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Arzt

Novelle von Theodor Eichberger

I. Die Freunde

Die Sonne verbreitete jenes zweifelhafte Licht, welches das Zeichen des herannahenden Abendrothes ist, und beleuchtete in dunkelgelben malerischen Tinten und sanft verschmelzenden Licht- und Schattenseiten das Häusermeer der weltbekannten See- und Handelsstadt New-York, jenem ersehnten Landungsort der unzähligen Auswanderer des gealterten Europa's. - Gar viele müde Arme erharrten mit Sehnsucht den Scheideblick des Tagesgestirns, um dann in wohlthätiger Ruhe und geistiger Erholung die Früchte ihres fleißigen Tagewerkes zu genießen.

Auch die jungen Kaufleute und Schreibergehilfen auf dem Comptoir des reichen Handelsherrn Stephan Hübner waren lauer in der gewohnten Thätigkeit und ließen, statt sich mit Rechnungen und kopiren der Handelsbriefe etc. zu quälen, läßig die Hände ruhen; um in lustigem Geplauder das Ende des Tages herbei zu schwatzen. Nur einer derselben nahm keinen Antheil an der lebhaften Unterhaltung und saß in Gedanken versunken, mit mechanischer Thätigkeit die Feder führend, an seinem Pult. Es war Albert Lindloff, ein angenehmer Mann von ungefähr sechsundzwanzig Jahren, der seit fünf Monaten seine europäische Heimath verlassen hatte, um sich in Amerika ein dauerndes Glück zu gründen, was ihm aber bisher noch schlecht gelungen war. Die alte Heimath mit ihren tausend süßen Erinnerungen hatte er zwar in etwas verschmerzt durch die gütige Behandlung seines Prinzipals, eines ebenfalls seit zehn Jahren eingewanderten Deutschen und sehr wohlwollenden und menschenfreundlichen Mannes, aber noch andere und tiefere Leiden schienen sein Herz zu bedrücken und die rosige, nie wiederkehrende Jugendzeit mit bitterem Wermuth zu mischen.

Albert war der Fleißigste von Allen; aber es war nicht die heitere jugendliche Arbeitslust, welche durch einen frischen leichten Sinn und gaukelnde sterbende Ideale in die Zukunft, verbunden mit etwas Gleichgültigkeit gegen das Loos des unerbittlichen Schicksals hervorgebracht wird: es war ein verzweifeltes Anstrengen, um die trüben Gedanken zu bekämpfen. Er wollte die mächtigen Gefühle, welche seine Brust bewegten, mit Gewalt zurück drängen und den sträubenden Geist dem monotonen Schreiben zuwenden, um die wild erregte Phantasie zum Schweigen zu bringen. Eine tiefe Wehmuth lag in seinen blassen, doch wohlgeformten Zügen; das lockige dunkelbraune Haar quoll verworren über die mit Schweiß bedeckte Stirne und der Blick der glänzend schwarzen Augen schweifte bald unstät irrend umher, und dann starrten sie wieder leblos mechanisch in eine Ecke, ohne Zweck und ohne Bewußtsein des Besitzers.

Mit inniger Theilnahme und sichtbaren Zeichen des lebhaftesten Mitgefühls betrachtete von Zeit zu Zeit Ernst Klima, der Buchhalter des Kaufherrn und ergebener aufrichtiger Freund Alberts, diesen, und erschöpfte sich in Gedanken über die Ursache des Kummers seines Freundes. Er hatte dessen Unruhe schon seit einigen Tagen bemerkt und war deßhalb öfter mit Fragen in ihn gedrungen; aber so aufrichtig Albert in seinem übrigen Thun war, in diesem Punkte hatten die freundschaftlichen Zureden ihn nicht vermocht die Quelle seiner Leiden zu entdecken. Albert war der aufrichtigste Mensch, was das gewöhnliche Leben betraf, aber in manchen besonderen Fällen hatte er so seine eigenen, mitunter bizarren Ideen und konnte es nicht über sich gewinnen, der treuesten Freundesbrust die jugendlichen Geheimnisse und inneren Leiden zu vertrauen, wozu ihn wohl manche bittere Lebenserfahrung und kränkende Täuschung gebracht haben mochten.

Eben hatte eine Pause in der Uebrigen stattgefunden, als einer derselben, ein junger Franzose, ein neues Gespräch anzuknüpfen, anhub:

"Nun Demoiselle Marie, unseres Prinzipals herzigliebes Töchterchen wird wirklich ernsthaft krank? Es ist doch wirklich Schade und ich bedaure immer wenn ein schönes, junges Mädchen sterben soll. Wahrhaftig! Marie ist ein famoses Kind, trotzdem daß sie ein bischen gar zu hochmüthig auf uns arme Schlucker herabsieht, und ich möchte sie gern zur Frau nehmen, wenn sie mich nur wollte."

"Ho Gurillot! Da wirst Du wohl noch lange ledig bleiben können, wenn Du darauf wartest!" fiel ein Andrer ein. "Uebrigens. ist hier gar nicht zu spassen, denn als Mister Hübner heute den Doktor Vaage zur Thüre geleitete, hörte ich letzteren sagen, daß für Marien wenig Hülfe zu erwarten wäre und er noch nie ein so bösartiges Fieber gefunden habe."

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Theodor Eichberger: Der Arzt. Novelle
In: Mainzer Anzeiger Nr. 97 vom 27. April 1855, S. 385


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