Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der immergrüne Zweig der Hoffnung

Parabel von Th. E.

Auf einer einsamen, unfruchtbaren Haide saß ein lebensmüder Jüngling, trostlos, mit zur Erde gesenktem Blick. Seine Wangen waren bleich und eingefallen - sein ganzer Körper war siech und matt. Er war aus dem lauten Getümmel der Stadt geflohen auf diesen stillen, selten von Menschen besuchten Platz, in der Hoffnung Ruhe zu finden, Ruhe! die er so sehnsüchtig suchte. Längst war er seines Lebens überdrüssig und wünschte sich den Tod; denn nirgends blühte für ihn ein Blümchen der Freude das er pflücken konnte, nirgends war ein mildes, liebendes Herz bei dem er Trost und Erheiterung fand. Ueberall begegneten ihm kalte, gefühllose Menschen, die keinen Antheil an seinen Schmerzen nahmen.

So saß der arme, verlassene Jüngling lange Zeit auf einem Stein und blickte starr vor sich hin. Endlich erhob er sein müdes Haupt und schaute mit wehmüthigem Blick in die versinkende Abendsonne und sprach:

"Barmherziger Gott! wenn Du, wie die Menschen sagen, unser aller Vater bist? wenn Dein väterliches Auge über jedem Deiner Kinder wacht? O so sei barmherzig gegen mich und nimm mich hinweg von dieser eisigen Erde in Deinen liebreichen Schooß. - mein Herz ist so öde und leer an Freude und so von Gram und Schmerz über mein trauriges Geschick erfüllt, daß es die unsäglichen Leiden zu zerreißen drohen. Ich habe nichts auf dieser Welt als Noth und Sorgen; kein liebend treues Wesen muntert mich auf mit zärtlichen Blicken und hilft meinen Kummer tragen; für mich hat die Erde nichts reizendes mehr. - Darum nimm, Allerbarmer, nimm mich zu Dir! Laß meinen müden Leib Ruhe finden in dem kühlen Schooß der Mutter Erde. O ich bitte Dich gib mir Ruhe!"

Bei den letzten Worten sank der Jüngling ganz entkräftet zur Erde und verfiel nach und nach in einen sanften Schlummer. Da erschien ihm im Traume ein Engel, gehüllt in ein ätherisch blaues Gewand, umgeben von himmlischem Glanze, einen grünen Zweig in der Hand haltend. Der Engel nahte sich, reichte ihm den Zweig und sprach:

"Da nimm du armer, guter Jüngling, nimm diesen immergrünen Zweig der Hoffnung und bewahre ihn als ein Geschenk des Himmels! Er möge dein Begleiter sein auf allen Wegen und dich stärken und ermuntern in Noth und Trübsal. - Hoffe! und Du wirst nie unzufrieden sein mit Welt und Schicksal."

Der Jüngling nahm den Zweig, worauf der Engel verschwand. Sowie er den Zweig in der Hand hatte, verwandelte sich die Haide in ein anmuthig wonniges Thal, bewachsen mit hohem glänzendem Grase und schönen Feldblumen; mit fruchtbeladenen Obstbäumen, duftenden Kräutern und blühenden Rosensträuchern. Liebliche, fröhliche Mädchen waren versammelt zu heiteren Spielen, muntere Jünglinge und kräftige Männer hielten vertrauliche Gespräche, und rotwangige Kinder hüpften, scherzten und lachten in unbefangen harmloser Lust. Nachtigall die holde Sängerin, sang in gefühlvollen, harmonischen Melodieen ihr Abendlied und die anderen Vögel stimmten ein in feierlichem Chor. Zuletzt vereinigten sich Jünglinge, Männer, Mädchen und Frauen und scherzten und kosten in unschuldiger Liebe. Dann durchzogen sie Arm in Arm das Thal und sangen ein weiteres Lied.

Dem Jüngling ward durch diesen Anblick die Brust so voll Wonn' und Freude, daß er erwachte. Als er um sich blickte, war die ganze Gegend durch die untergehende Sonne, welche eben am äußersten Rande des Horizonts stand, wie in Gold und Purpur gekleidet. Da erhob er sein Dank und Freude strahlendes Auge andächtig gegen Himmel, knieete nieder und betete:

"Gütiger, unendlich liebreicher Vater! Du hast mir durch diesen Traum Trost gesendet für mein ganzes Leben; o wie dank ich dir! Warum konnte ich nur so kleinmüthig sein, da die Hoffnung noch mein ist? Ja ich will hoffen und getrost und muthig in die Zukunft schauen; du Trösterin Hoffnung sei meine Begleiterin auf allen Wegen; ich will hoffen, bis ich dieses Thal mit den guten, fröhlichen Menschen in der Wirklichkeit finde und mit ihnen glücklich sein kann!"

Neu gestärkt und getröstet kehrte der Jüngling zur Stadt zurück, mit dem festen Vorsatz: nie mehr kleinmüthig zu verzweifeln, sondern stets der Hoffnung zu vertrauen.

Und er hatte recht gethan. Die Hoffnung bestärkte sein Streben; sie führte ihn auf einen rosigen Lebenspfad und in die Arme heiliger, unendlich süßer, nie gekannter Freuden - in die Arme der reinen Liebe!

Theodor Eichberger: Der immergrüne Zweig der Hoffnung. Parabel.
In: Mainzer Anzeiger Nr. 37 vom 14. Februar 1855, S. 146-147


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