Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Centralbahnhof

Altes Foto vom Mainzer Hauptbahnhof
Der Mainzer Centralbahnhof

Die Eisenbahntrasse durch Mainz führte ursprünglich am Rheinufer entlang; der alte, 1853 eröffnete Hauptbahnhof befand sich in der Nähe des Holzturms an der Rheinstraße. Zwischen 1880 und 1884 wurde die Eisenbahnstrecke auf Anraten des Stadtbaumeisters Eduard Kreyßig vom Rheinufer an den damaligen Westrand von Mainz versetzt ("Umführung der Bahn"). Nach den Plänen des Architekten Berdellé wurde dort, wo der alte Teil von Mainz (die Altstadt) und die Mainzer Neustadt (das Gartenfeld) zusammentreffen, der neue Hauptbahnhof erbaut.

Das nachstehende Gedicht von Theodor Eichberger erschien am Tag der Eröffnung des neuen Hauptbahnhofes in den Mainzer Nachrichten:

Zur Eröffnung des Centralbahnhofes

am 15. Oktober 1884

Ein Jubelhymnus töne, der Vaterstadt geweiht!
Es prangt in seiner Schöne, im neuen Feierkleid
Heut' unser liebes, schönes, neu auferblühn'des Mainz,
Und freudevoll ertön' es am Strand des grünen Rheins!

Der Bau ist nun vollendet, der - schon so lang ersehnt -
Der Neustadt Leben spendet, die Stadterweit'rung krönt;
ein Bahnhof, schön und mächtig, ist Dir, o Mainz, bescheert,
Wie Du so stolz und prächtig ihn selber kaum begehrt.

Doch Du bist dessen würdig, o theure Vaterstadt,
Daß man Dich ebenbürtig gestellt auch endlich hat
Den Schwesterstädten; prangend kannst' ihnen Dich anreih'n,
Sollst ferner nicht - verlangend - das Aschenbrödel sein! -

Wie hatt' Dich, ach! so lange die Festung eingeengt -
Dem Bürger wird's noch bange, der jener Zeit gedenkt!
Als rundum alle Städte aufstrebend sich geregt,
Hielt Dich die Festungskette und Du warst lahmgelegt.

Die Fesseln mußten weichen, die Wälle sind dahin,
Als opferfreudig Zeichen von schönem Bürgersinn;
Ja, Deine Bürger lösten die allzuenge Haft.
Das Opfer mag sie trösten, es zeigte eigne Kraft!

Wo sonst der Wälle Rasen sich still geschmückt mit Grün,
Da ziehen breite Straßen gar schmuck darüber hin;
Wo nur der Bäume Aeste zum Himmel aufgeschaut,
Erheben sich Paläste gar kunstreich aufgebaut.

Das ist ein frisches Regen, ein tausendfält'ger Fleiß;
Das ist der Arbeit Segen, der Mühe schöner Preis;
Das ist ein neues Walten, die Kunst kann neu erblüh'n,
Der Handel sich entfalten, das Handwerk lohnend müh'n!

Und wenn erst neues Leben der neue Bahnhof bringt,
Mit seinem kräft'gen Streben den stillen Theil durchdringt;
Wenn's erst in vollen Zügen da strömet aus und ein,
Da wird es wohl sich fügen der Neustadt zum Gedeih'n.

Das große Werk, vollendet steht es zum Theil schon da
Und, wahrlich, Beifall spendet man Dir, Moguntia!
Hast Du auch schwer gerungen und Opfer dargebracht,
Es ist Dir doch gelungen, Du strahlst in neuer Pracht.

O mög' es dir gedeihen zum Wohle allezeit,
Damit Du in den Reihen der Städte weit und breit
Sowohl der schönsten eine wirst gern geheißen sein,
Als auch der allgemeine Wohlstand kehrt bei dir ein!

Mög' holder Friede lohnen, was Du geschafft, gesorgt,
Damit Du die Millionen, die wir dafür geborgt,
Kannst tilgen, wie nicht minder die Zinsen, die nicht ruh'n,
So daß sich Deine Kinder nicht wehe dabei thun!

O Himmel schirme gnädig stets unser neues Mainz,
Dann schafft's empor sich stetig zur schönsten Stadt des Rheins.
Wir konnten's ja nicht dulden, daß ihm gefehlt die Pracht;
Vergib uns uns're Schulden, die deshalb wir gemacht! -

Doch bei den Musikchören, den Häusern reich geziert,
- Wie's, diesen Tag zu ehren, die Neustadt arrangirt -
Beim frohen Festgewimmel, Beim Strahl vom Bogenlicht
Vergiß, o Gott im Himmel, auch uns're Altstadt nicht!

Sie will ja auch noch leben, obgleich sie schon so alt!
Und kann sie dies erstreben, dann ruft sie, daß es schallt -
Und keine Stimme bebe, weil Neid da überwog:
Der neue Bahnhof lebe, der Bahnhof lebe hoch!

Theodor Eichberger: Zur Eröffnung des Centralbahnhofes.
In: Mainzer Nachrichten Nr. 242 vom 15. Oktober 1884


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