Theodor Eichberger (1835-1917)


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Löbliches und Lustiges

aus den Jugend- und Jungesellen-Jahren des Bräutigams

Wenn wir allhier die Jugendzeit
Des Bräutigams beleuchten,
Erhöht's die Hochzeitsfröhlichkeit
Und er braucht's nicht zu beichten.
Und darum sei, wie sich's gebührt,
Was irgend von Bedeutung
In schönen Keimen angeführt
In dieser Hochzeits-Zeitung.

Wir wollen ihm sein liebes Ich
Im Spiegelbildchen zeigen
Und schmunzelnd soll darob er sich
Den mächt'gen Schnurrbart streichen,
Wenn er vernimmt, bewiesen klar.
Wie er in früher Jugend
Zum Ehemann schon wunderbar
Geübet manche Tugend.

So war er. thätig auch zu sein
Als Jüngling noch an Jahren,
Zusammen mit dem Brüderlein
Nach Frankfurt einst gefahren.
Einkaufen sollt er Leder da,
Wie man's gebrauchte eben
Und 's hatte ihm der Herr Papa
Das nöt'ge Geld gegeben.

Doch ungekauft das Leder blieb,
Das Geld ging in die Brüche,
Er kauft für seine Schwesterlieb
Dafür 'ne Puppenküche,
Und andern Puppen-Hausrath noch  -
Gehandelt dünkt's ihm weislich!
Und daran sieht man deutlich doch
Wie er gestrebt schon häuslich.

Dass man verbot'ne Früchte nie
Ganz sicher kann gemessen,
Das hat in der Fasanerie
Ein Fall ihm auch bewiesen;
Als er mit seiner Freundesschaar
Kastanien wollt' erlangen
Und auf den Baum geklettert war,
Hat er die Lehr' empfangen.

Er hatte leider mit Bedacht
Im "Schüler" nicht gelesen:
"Das Auge des Gesetzes wacht!"
Weil er noch klein gewesen,
Denn 's hat ein Feldschütz ihm gar schnell
Den Uebermuth gezügelt
Und ihn sofort an Ort und Stell'
Ganz weidlich durchgeprügelt.

Nur er allein war's Unglückskind,
Das man erwischt! Die Brüder
Und Freunde, ach! entfloh'n geschwind
Und kamen nicht mehr wieder.
Und da gelobt' er hoch und hehr,
Weil's weh ihm that abscheulich:
"Ich thue so etwas nicht mehr!"
Was doch gewiss erfreulich.

Vom Vaterhaus, vom trauten Heim
Könnt' Max gar schwer sich trennen,
Was ja schon als der beste Keim
Des Ehestands zu nennen.
Als er in Metz kaum kurze Zeit
In Stellung war gegangen,
Wie hat ihn da mit seinem Leid
Das Heimweh gleich befangen.

Ach! ausgehalten hätt' nach Pflicht
Er's kaum "in fernen Landen",
Hätt' seine Schwester Lina nicht
Ihm treulich beigestanden.
Schlau wusst' in nächster Zeit er schon
Die Eltern zu bewegen,
Dass sie auch hinkam in Pension;
Das war für ihn ein Segen.

War die Pension auch nicht so gut
Und mager selbst das Essen,
Hat Max, um ihr zu machen Muth,
Sie keinen Tag vergessen.
Er brachte Speisen ihr so fein.
Wie sie nur aufzutreiben,
Und Spitzen, Kleider, Leckerei'n.
Nur, dass sie da sollt' bleiben.

Wie wird er erst als Ehemann
Sich der Familie weihen!
Und seinem lieben Bräutchen kann
Getrost man prophezeien:
Müsst' Max geschäftlich auch hinaus,
Wie's manchmal sich kann fügen,
Bleibt er gewiss nicht lange aus,
Um's Heimweh nicht zu kriegen.

Gar männlich übt er seine Kraft
In edlem Sport noch immer
Und strebt darin nach Meisterschaft
Vorab als tücht'ger Schwimmer.
Ob sich die Strömung heftig zeigt,
Ob sanft - sie wird durchschwömmen:
Im Strom der Zeit kann drum er leicht
Zu schönen Zielen kommen.

Weil er ein Turner auch dabei,
Der Preise könnt' erringen,
Kann er auch frisch, fromm, fröhlich, frei
Sich in die Höhe schwingen.
Und weil beim Zweiradfahren er
Gewandt kann vorwärts streben,
Dacht's Bräutchen wohl, mit ihm da war'
Gut fahren durch das Leben. -

Eins aber mitzuteilen stracks
Erscheint uns unerlässlich:
In jüngster Zeit war unser Max
Ganz schauderhaft vergesslich.
Geschäftsbrief, die gewiss er doch
Wollt' baldigst expediren,
That er nach ein'gen Tagen noch
In seiner Tasche spüren.

Die mussten warten in Geduld,
Ob's noch so eilig triebe
Und daran war allein nur Schuld
Die Liebe, ach! die Liebe.
Denn mit den Liebesbriefen eilt
Dafür er ganz unsäglich
Und expedirt sie unverweilt
Zur Post schier zweimal täglich.

Nach Offenbach stand ja sein Sinn
Im Wachen wie im Träumen;
Wie eilt' er da zum Bahnhof hin.
Den Zug nicht zu versäumen.
Zwei-dreimal wurde wöchentlich
Die Reise unternommen,
Wobei er nur beklagte sich:
Er könnt' so selten kommen.

Wie herzlich sie sich zugethan,
Wie oftmals sie sich küssten,
Das führen wir allhier nicht an,
Wenn wir's genau auch wüssten.
Gesprochen hat er zwar nicht laut
Von seinem Liebesglücke;
Gezeigt hat er's der lieben Braut
Nur durch verliebte Blicke. -

Dem Bräutchen wird jetzt Max nicht mehr
So fleissig Briefe schreiben
Und - statt zu reisen hin und her,
Kann er beim Weibchen bleiben.
Und weil ihn heut' der Ehe Band
Beglückt als Liebesspende,
So ist sein Junggesellenstand
Und unser Lied zu Ende.

Theodor Eichberger: Löbliches und Lustiges aus den Jugend- und Jungesellen-Jahren des Bräutigams.
Hochzeits-Zeitung zur freundlichen Erinnerung an die Vermählungsfeier von Frln. Fanny Wallerstein mit Herrn Max Oestreicher. Offenbach a. M. und Aschaffenburg am 1. Juni 1890


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