Theodor Eichberger (1835-1917)


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Dem

Herrn Carl Habersack

bei der Uebernahme des Gasthauses "Zum Hirsch"

gewidmet

von den Mitgliedern des "runden Tisches"


Dem neuen Wirth, der jetzt wird führen
Den edlen Hirsch mit Wein und Bier,
Dem woll'n wir zu Gemüthe führen
Eindringlich ein paar Worte hier.
Er hat, was wir ihm gerne danken,
Bei uns sich hoch in Gunst gesetzt;
Denn, statt zu dienen blos den Kranken,
Bedient er die Gesunden jetzt!
Und statt der Tränlein des Pedanten,
Des griesegräm'gen Aesculap,
Zapft er Gambrinus', des bekannten,
Und Bachus' edle Gottesgab!
Er hat wohl die Chemie studiret
Und auch die Kunst der Pharmacie,
Doch die Getränke, die er führet,
Verbess're diese Kunst uns nie!
Mög er den Trank uns nie chemieren
Mit Aqua, Sprit und Glycerin;
Ein Apotheker könnt's probiren,
'nem braven Wirth kommt's nicht in Sinn.
Was nützt der goldne Wein im Glase,
Ist er gemacht, so taucht er nichts;
Weit besser schmeckt er nach dem Fasse,
Als nach der Apothekerbüchs'!
Bringt er den Wein uns von der Kelter,
So hat er damit wenig Müh'
Und seine Trinker, die erhält er
Weit besser als Lakritzenbrüh'!
Das Bier sei stets ein ächter Tropfen,
Ein gut Gebräu sei sein Bemüh'n
Es schmecke nur nach Malz und Hopfen,
Und nimmermehr nach Medicin!
Der Trank, den er uns zum kuriren
Nach unserm Wunsche bringen soll,
Darf niemals die Devise führen:
"Allstündlich einen Löffel voll!"
Nur Eins erlaubt es ihm, ich denke,
Daß er zum Apotheker wird;
Wenn er uns unsere Getränke
Recht gut und oftmals repetirt.
Ein braver Wirth stets gut bestehet,
Stellt er das "Apothekern" ein;
Die besten Pillen, die er drehet,
Das sollen faule Handkäs' sein;
Oplaten sind auch nicht von Nöthen,
Die Pillen schlucken so sich ein!
Und wird mal was von Teig erbeten,
So mag's ein Fastenbretzel sein.
Kein Pflaster braucht er uns zu schmieren,
Denn damit hat es keine Noth;
Das einz'ge Pflaster, das wir führen,
Ist höchstens nur ein Butterbrod.
Macht er uns Cottlet's, ist's am besten
Stets ohne Apothekerg'wicht;
Wir nehmen gern die allergrößten,
Wir wissen ja, es schadet nicht.
Wir gebrauchen kein Geschmier von Salben,
Ein gut Stück Wurst, ein saft'ges Fleisch
Das mundet besser allenthalben,
Als wie das Apothekerzeug!
Kein Süßholz braucht er uns zu schneiden,
Hat er nur Brennholz, ist's schon gut;
Denn zu den schönsten Winterfreuden
Gehört die warme Ofenglut.
Und Morphium, das mag er lassen,
Es soll zum Schlafen heilsam sein
Wenn ein'ge Schoppen wir geblasen,
Dann schlafen wir von selber ein!
Und von den vielen gift'gen Stoffen,
Wie Herbstzeitlose und dergleich,
Mach er, wir wollen's gerne hoffen,
Niemals Gebrauch in sei'm Bereich.
Uns braucht er auch nicht aufzuwarten
Mit bunten Schachteln, Goldpapier;
Wir brauchen nur ein Spielchen Karten
Und einen Würfelbecher hier.
Und wenn die Häupter mälig sinken,
Beschwert vom Bier, berauscht vom Wein,
Dann mög der Sterne freundlich Blinken
Das helle Brausepulver sein!
Kurzum, die Büchsen und Retorten
Die lasse er fortan hinweg;
Für uns genügt mit wenig Worten
Ein Heber, Trichter, Schoppenblech!
Sollt' einer etwas schuldig bleiben
Und beim Wirth in Kreide steh'n,
So mög er's deutsch und deutlich schreiben,
Dieweil wir kein Latein versteh'n!
Zur Oeffnung braucht es keine Mittel,
Da werden wir uns selbst kurir'n,
Wir werden sein Abführungsmittel
Schon im Portemonnaie stets verspürn!
Und sollte dies die Schwindsucht haben,
Dann ist auch seine Heilkunst aus,
Denn wir verschmäh'n dann seine Gaben
Und gehen ganz geleert nach Haus.
Doch g'nug der Worte, g'nug der Lehren,
Ergreift die Gläser voller Wein,
Das Beste, was wir wollen leeren
Das sollen volle Gläser sein!
Es mög noch manche schöne Stunde
Und hier versammeln lange Zeit,
Drum sei auch von der "Tafelrunde"
Dem neuen Wirth ein Hoch geweiht.

Seligenstadt, 30. April 1876

Theodor Eichberger.

 

Johann Karl Georg (Carl) Habersack (1846-1896) war Apotheker in Rothenbuch (ca 25 km östlich von Aschaffenburg). 1869 heiratete er in Seligenstadt, wo er sich um 1875 niederließ und 1876 offensichtlich das Gasthaus "Zum Hirsch" übernahm; bereits im Jahre 1882 führte er allerdings wieder eine Apotheke. Um 1890 war er Mitbegründer der Aktienbrauerei zu Lohr am Main.*

Scan des original-Manuskripts von 'An Sie!'


*  Vielen Dank an Ralph Habersack für diese Informationen.

Theodor Eichberger: Dem Herrn Carl Habersack bei der Uebernahme des Gasthauses "Zum Hirsch" gewidmet von den Mitgliedern des "runden Tisches"
Gedruckter Handzettel, Seligenstadt am Main 1876


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