Theodor Eichberger (1835-1917)


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Ein Großagrarier. [1903]

Von Th. Eichberger, vorgetragen von J. Steigerwald in der 2. Herrensitzung des Mainzer Karneval-Vereins

(sich vorstellend:)
Kunibert von Stritzelstrunski,
Name is ja weltbekannt,
Auf und zu Großdusseldunski,
Auch historisch viel jenannt.

Selbstverständlich Großagrarier,
Freund jedweden Monopols,
Doch durchaus kein Vegetarier
Und kein Feind des - Alkohols!

Mainzer Karneval mein Leben!
Narrhallesen, mache mit!
Kosten Nebensache eben,
Zolltarif gibt neu'n Kredit.

Sollt mal nach Ostelbien 1 wandern!
Seit die Zölle uns jeglückt,
Wird ein Strohdach nach dem andern
Daraufhin schon - ausjeflickt.

"Dem Verdienste seine Kronen!" 2
Zollschutz uns famos behagt;
„Seid verschlungen, Millionen," 3
Wie der olle Goethe sagt.

Heine hat ja auch jedichtet -
Na, wie heißt es doch jeschwind - -:
„Unser Schuldbuch sei vernichtet!" -
Wußte ooch, wat Schulden sind. -

Närrisch Volk! das ist der Lauf der
Welt, daß sich ein Jeder plagt;
Müssen uns auch plagen auf der
Hasen- und Fasanenjagd!

Steuern will Volk als Last bezeichnen!
Seht doch Steuer nur auf Sekt,
Wird - man kann's nich anders leugnen -
Fast allein von uns jedeckt.

Und das Volk mit seiner Fleischnoth
Räsoniert's dat janze Jahr,
Die doch uns Agrariern gleich droht. -
Sah's auf feinstem Ball sogar.

Wo nach exklusiven Sitten,
Noble Damenroben schön,
Oben recht tief ausjeschnitten,
Kann man ooch die - Fleischnoth seh'n!

Und da dürfen hin nur kommen
Standesdamen, die pickfein;
nimmer wird da aufjenommen
So'n Feldwebelstöchterlein!

Immer Standesinteressen
streng jewahrt vor der Gefahr,
Wenn's ooch ein gefund'nes Fressen
Für die Zeitungsschreiber war.

Ist's Jeschreibsel meist auch fade,
Kümmern doch um alles sich:
Lest die neueste Luisiade,
Aber die von Schiller nich.

Ja, das Drama findet Pflege,
Wie sich's tragisch hier entrollt, -
Erst jab's "Einen Schritt vom Wege", 5
und darauf: "Mein Leopold." 6

Mütter auch sind zu verwirren,
Wie der Kasus hier beweist;
"Kinder jammern, Mütter irren," 7
Was dann Ehe-Irrung heißt. -

Donnerkiel, wat aus so'n jungen
Sprachprofessor werden kann:
"Hat ein hohes Weib errungen,"
Wird vielleicht ihr zweiter Mann.

Aber, Kinder, 's kann sich rächen!
"Vater werden ist nicht schwer,"
Kann man da mit Buschen sprechen
"Vater sein ist es vielmehr!" 8

Zarathustra sprach drum also,
Was auch jedem leuchtet ein:
Bleiben kann nicht dieser Fall so,
"Und es muß geschieden sein." 9

Draga's Schicksal ist auch tragisch,
Möcht' ein Prinzchen, wie's jebührt
Storch zu ihr doch kommen mag nich,
Weil sie ihn mal anjeführt!

Denkt, fünf Kinder hat die eine
Und war glücklich nich zu Haus,
Doch die Andere kriegt keine,
Und sie hält's doch glücklich aus!

Kindersegen, Himmelssegen!
Nur ist's nich damit jethan;
Kämen Prinzen sehr gelegen,
Kommen oft Prinzeßchen an.

Storch scheint Soze ooch jeworden,
Bringt - drum werden's immer mehr
Junge Sozen aller Orten;
Fürstenwiegen stehen leer. -

Doch man soll nich kritisiren;
Jenen ooch, die stehn so hoch,
Kann wat menschliches passiren,
Sind doch immer Menschen ooch.

Aber überlegt mal, Kinder,
Wie die Blätter legen los,
Wie im Trab die Zeilenschinder,
Wenn passirt mal so 'ne Chos'!

Un da sind sie wie verschossen,
Als wär's wirklich ein Malheur,
Wird mal transportirt jeschlossen
So'n bestrafter Redakteur.

Sollten stets jeschmückt mit Ketten
Alle Redakteure sein,
Stellten da, man kann drauf wetten,
Mal dat böse Schreiben ein!

Ausnahm' würde nur jebühren
Jenen, die da musterhaft
Wie jeschmiert die Feder führen
Für den Schutz der Landwirthschaft!

Unt'res Volk wird ja nur krittlig,
Liest's dat Zeug in Dorf un Stadt,
Muß drum werden ländlich-sittlich;
Wir Agrarier machen dat!

Demuth, Einfalt, jute Sitte,
Jede Tugendhaftigkeit
Sei gepflegt mit strammem Schritte
Durch den Schutzmann hilfsbereit.

Polizei wir deßhalb schätzen,
Wenn sie auf dem Damme is;
Mag man über "Mißgriff" schwätzen:
Polizei greift nie nich miß!

Uffjepaßt auf jeden Schritt da,
Frauensleute haltet knapp,
Denn nich jede heißt Anita,
Die den Schutzmann selbst führt ab.

Wo die Edelsten vereinen
Sich dazu in jüngster Zeit,
Merkt man schon im Alljemeinen,
Wie sich hebt die Sittlichkeit.

Selbst der keuschen Frau Susanna,
Die's bewieß zur Evidenz,
Macht soeben "Monna Vanna"
Janz erheblich Konkurrenz!

Üpp'ge Jugend nich bejehrt man,
Wirkt verführerisch zu leicht;
Das kanon'sche Alter ehrt man:
Sarah Bernhardt hat's jezeigt!

Die Jeschmäcker sind verschieden
Allerwärts in janzer Welt,
Das is nu mal so hienieden
Man liebt nur, wat een' jefällt. -

Wenn jefallen, Narrhallesen,
Euch mein Speech, nu jebt es kund,
Sagt: na, 's war man so jewesen -
Mahlzeit, haltet euch jesund!

1   Ostelbien war das Gebiet östlich der Elbe; dieser Landstrich galt als besonders rückständig und war noch bis ins 20. Jahrhundert durch feudalistische Machtstrukturen geprägt.

2   "Dem Verdienste seine Kronen!" ist ein Zitat aus Friedrich Schillers "An die Freude"

3   "Seid verschlungen, Millionen!" stammt nicht von Goethe, sondern ebenfalls aus Schillers "An die Freude", wo es allerdings heißt: "Seid umschlungen, Millionen!"

4   "Unser Schuldbuch sei vernichtet" ist keineswegs ein Zitat von Heine, sondern entstammt ebenso wie die beiden Vorhergehenden Schillers "An die Freude".

5   "Ein Schritt vom Wege": ein Lustspiel aus dem Jahre 1873  von Ernst Wichert (1831-1902)

6   "Mein Leopold": eine Posse in drei Akten aus dem Jahre 1873  von Adolph L’Arronge (1838-1908)

7   "Kinder jammern, Mütter irren" - eine Zeile aus Friedrich Schillers "Lied von der Glocke".

8   Aus Wilhelm Buschs  "Julchen" (1877): "Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr."

9   "Und es muß geschieden sein" ist zitiert aus Hoffmann von Fallerslebens Gedicht "Abschied".

10  Draga

11  Anita

12  keusche Susanna

13  Das Drama "Monna Vanna" aus dem Jahr 1902 von Maurice Maeterlinck (1862–1949)

14  Die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt (1844-1923) war der Prototyp des modernen Filmstars und erschütterte bis ins Alter die Öffentlichkeit mit einer Reihe von Skandalen und Affären. Im Mainzer Stadttheate spielte sie in der Aufführung der "Kameliendame" vom 14. Nov. 1902 die Rolle der Marguerite Gautier.

Theodor Eichberger: Ein Großagrarier. Narrhallavortrag, gehalten von Joseph Steigerwald.
In: Mainzer Carneval-Zeitung Nr. 4, 1903


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