Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der politische Koch

Narrhallesischer Vortrag von Th. Eichberger.

Ich bin ein Koch und schwinge meinen Kochlöffel in meinem Küchenreich so gut, wie ein Fürst sein Szepter. Und ich bin stolz drauf, ein Koch zu sein, denn ich weiß die Magenfrage, die manchen Sozialpolitikern so schwer im Magen liegt, am besten zu lösen. Ich bin der Chef des Küchenministeriums und in der Diplomatie wohl bewandert, da auch bei mir nur mit Wasser gekocht wird. Vom Profit raucht freilich bei uns der Schornstein, aber 's kann auch vorkommen, daß bei einer Kochkunst-Ausstellung der Profit zum Schornstein hinaus fliegt, so daß man nachher bei "kalter Küche" da sitzt mit seinen "bitteren Makronen." Verdammt brennzliche Sache!

Weil wir tagtäglich am Feuer hantiren, sind wir meistens etwas hitziger Natur, und darum verderben auch viele Köche den Brei, womit ich jedoch keineswegs auf die deutsch-englisch-italienische Flottenblokade vor Venezuela angespielt haben will. Zum Glück wird aber nichts so heiß gegessen, wie's gekocht wird. Für den dortigen Präsidenten Castro ist nun der nahrhafte deutsche "Pumpernickel" nicht mehr zu haben und er muß sich mit "Wasserspatzen" und "Bettelmann" begnügen, wozu höchstens manchmal ein "Auflauf" kommt.

Das französische Ministerium kann die dicke "Klostersuppe", die 's sich eingebrockt hat, nun ausessen, und froh sein, daß ihm keine "Schlagsahne" dazu servirt wurde. - Der Fang der so lange gesuchten Familie Humbert war aber für dasselbe ein fetter Bissen, weßhalb auch diese berüchtigte Bande im Gefängniß ihrem Geschmack entsprechend mit "Windbeuteln" gefüttert wird, während die betrogenen Gläubiger betrübt ihre "verlorene Eiersuppe" angucken!

John Bull will unser herber aber bekömmlicher "Sauerkohl", den ihm die deutsche Presse manchmal vorsetzt, nicht munden und er scheint, einem Theil seiner Presse und seinen Rednern nach zu urtheilen, mehr den deutschen "Ochsenmaul-Salat zu goutiren. - Ehren-Chamberlain hat opfermüthig dem heimischen "Plum-Pudding" den Rücken gekehrt und ist nach Südafrika abgedampft, nachdem 's dort aus ist, um sich an der leichter verdaulichen Begeisterung zu erholen. Der siegreiche Herr nährt sich daselbst hauptsächlich von "Rühreiern", um durch seine Reden bei der Kapbevölkerung die so beliebte Rührung hervor zu rufen. Nach den wie immer "wahrheitsgetreuen" Drahtberichten wird er überall sogar von den abgebrannten Buren mit größtem Jubel begrüßt, als ob dieselben schon wieder im vollen Fett schwämmen und ihre wackeren Führer 's niemals nöthig gehabt hätten, in Mitteleuropa für ihr verarmtes Volk die "breiten Bettelsuppen" zu versuchen, wovon der stolze Brite nichts wissen wollte. - Wohl hat sich Deutschland mit England zu Wasser verbunden, um von den venezolanischen Lumpen die rückständigen Kosten einzutreiben; fällt aber diese "Kostprobe" nicht so günstig aus, so kann diese Verbindung wieder zu Wasser werden!

Präsident Roosevelt ist ein vorsichtiger Koch und wollte sich an dem begehrten "Schiedsgericht" nicht die Finger verbrennen! Eifriger schüren die nordamerikanischen Ringkönige das Feuer, um ihren weltbeherrschenden Dampfertrusts, Eisentrust etc. so manches auszukochen, woran das alternde Europa noch zu lecken haben wird.

Die chinesische Speisekarte taugt weder für unsere Küche noch für unsern Magen. Aber so ein Stückchen vom chinesischen Kuchen sehen wir gern all kostspieliges "Schaugericht" auf unserer Gebietstafel prangen, welches Kiautschou benamset ist. Etwas bessere Menschen als die Venezolaner sind die Chinesen zwar, denn sie wollen ihr schuldiges Kostgeld wenigstens ratenweise an uns bezahlen, jedoch anstatt in gutem Gold nur in minderwerthigem Silber, um noch einen Duppes heraus zu schlagen.

In der russischen Hofküche wird nur nach geheimen Kochrezepten gekocht, so daß die Welt erst die Speisefolge erfährt, wenn's Essen gar ist. Die höhere Politik ist "Kaviar für's Volk", und da der russische Kaviar wie manches Andere heuer schlecht gerathen, so weiß man auch nicht viel davon.

Die genügsamen Italiener verzehren bescheiden ihre "Makkroni" und holen sogar in den hiesigen Wirthschaften für uns die "heißi Maroni" aus dem Feuer. Sie sind nur froh, die Weltmachtspolitik mitmachen zu können, mag's ihnen auch schwer fallen, während die Spanier bei ihrer aufgewärmten "Olla potrida" der verflossenen Macht und Herrlichkeit gedenken.

Die schwierigste Arbeit haben die Hofköche Oestereich-Ungarns! Schon seit Jahren versuchen sie, aus den Nationalgerichten: "Wiener Schnitzel", "Gulasch mit Paprika" und "Prager Schinken" eine genießbare Reichspastete herzustellen, aber die Ausgleichsform dazu fehlt und 's will sich kein richtiges Bindemittel zeigen, so das meistens die ganze Pastete wieder verplatzt! Und man hätte dort so gute Feuerung zu dieser Pastetenbäckerei, denn in den benachbarten Balkanländern gährt's, brodelt's und siedet's derart, daß die Pastete dabei gar werden müßte!

Unsere deutsche Küche ist so bekannt, das wir ihre Dippchen nicht aufzudecken brauchen. Sie ist sehr reichhaltig, da der Speisezettel mit vielen französischen und englischen Brocken gespickt ist, deren Verdeutschung den Gourmands bis heute noch nicht schmecken wollte. Ausländische Delikatessen sind auch leichter gegessen, als verdeutscht! Soll doch ein Preis von 1000 Mark ausgeschrieben sein für eine kurze deutsche Bezeichnung des englischen Wortes "Cakes", das freilich ominös lautet, wenn's ausgesprochen wird,  wie's geschrieben, was aber oft genug geschieht.

Wenn ich dieses verflixte Kurze deutsche Wort  dafür finden könnte, das wäre mir noch lieber als das allerneueste Kochrezept!

Mahlzeit!

Theodor Eichberger: Der politische Koch. Narrhalla-Vortrag.
In: Mainzer Fastnachtszeitung Nr. 3 vom 18. Januar 1903. Gratis-Beilage zum Neuesten Anzeiger.


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