Theodor Eichberger (1835-1917)


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Liebe und Trajekt

Mainzer Lokal-Humoreske von Th. Eichberger.


I. Rheinsilber.

Im "wunderschönen Monat Mai" vorigen Jahres "war in ihren Herzen die Liebe aufgegangen." Sie war ein engelgleiches Wesen - aber ohne Flügel - und er war ein Jüngling voll Jugendkraft und männlicher Schönheit. Es war Sonntag Abend. Sie wandelten Arm in Arm von Kastel herüber noch einmal über die alte, gemüthliche Schiffbrücke 1, welche in den nächsten Tagen auf Nimmerwiederkehr verschwinden sollte. Während der gute Mond sein flüssiges Silber in den majestätischen Rheinstrom ergoss und mit den Nixen kosete, kos'ten sie auch miteinander und gestanden sich im Rücken der Eltern, welche vorausgingen, ihre Liebe. So etwas kann vorkommen.

"Siehste, Lorche," sprach der zärtliche Jüngling, "ich hab Dich so lieb, wie ich noch kän anner Meedche gehatt hawwe, un ich glaawe, Du host mich aach gern, he?"

"E bis'che, Schambes," antwortete die züchtige Jungfrau verschämt

Abgemacht." rief Schambes jubelnd, "Du bist vun jetzt an mein un ich bin Dein, un in e paar Woche werd geheirath'! Komm, geb m'r aach en Kuss, mein lieb Schnuckes'che."

Lorchen aber, bis unter die Simpellöckchen erröthend, flüsterte anwehrend: "Nän, do dhete's jo die Leit sehn, un ohne dass mein Vadder un mein Mudder ebbes devun wisse, dhu' ich das nit, redd' erst mit dene."

So verband dies anmüthige Wesen gute Sitte mit heißer Liebe. "Kän Sorje! Dein Alte hawwe do nix degege. Dein Vadder is jo mein Petter un de beste Spezel vun mei'm: Sie hocke jo alle Owend im 'Rothe Kopp' beisamme," entgegnete Schambes zuversichtlich.

Sich den seligen Gefühlen seiner jungen Liebe überlassend, lehnte das glückliche Paar eng aneinander geschmiegt am Geländer der schwankenden Brücke, unter unschuldigem Liebesgeflüster die glitzernden Wellen des Stromes beschauend.

"Wann das lauter Silber wär, Schambes, was do uffem Rhein blinkt, un 's wär all unser, do könnte m'r's awwer mache," meinte Lorchen träumerisch.

Der stolze Jüngling aber erwiderte: "Ham'r gar nit nöthig. Unsere Alte hawwe Geld genug un aach gute Geschäfte. Ich muss morje früh widder vier Säu schlachte. Wieviel schlacht' Ihr dann?"

"Mir schlachte 're nor drei!" lispelte sie bescheiden.

So träumten sie noch lange den Traum der Liebe über des Rheines Silberwellen, nicht ahnend, dass dieser trügerische Strom ihre jungen Herzen noch mit unsäglichen Weh überschwemmen werde. Die Jugend lebt den Augenblick und denkt nicht an das Folgende.

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1  Abgesehen von der 1862 Eisenbahnbrücke führte in Mainz bis zur Eröffnung der Straßenbrücke 1885 nur eine Schiffsbrücke über den Rhein. Sie befand sich am Brückentor am Rheinufer (auf Höhe der Bauerngasse) und führte zur Reduit in Kastel auf der rechten Rheinseite.

Theodor Eichberger: Liebe und Trajekt. Mainzer Lokal-Humoreske.
In: Mainzer Fastnachts-Zeitung 1886


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