Theodor Eichberger (1835-1917)


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Theodor Eichberger: Liebe und Trajekt. Mainzer Lokal-Humoreske.

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V. Des Rheines und der Liebe Wellen.

In diesen zwei schwergeprüften Familien herrschte jetzt unsägliches Leid, obwohl es ihnen sonst gut ging; die Alten hassten sich und brauchten's nicht, die Jungen liebten sich und durften's nicht. Nur die beiden Mütter blieben, zwar heimlich, aber um so inniger befreundet. Frau Hackklotz sah mit Schmerz, wie die Sehnsucht nach dem Geliebten ihr armes Lorchen schier aufzehrte, obschon sich das gute Kind alle Mühe gab, lustig zu erscheinen und besonders mit Schaumig, der jetzt öfter las nöthig ins Haus kam, scherzte, so dass sich dieser vortreffliche Jungeselle schon dem Ziele nahe glaubte. - Die besorgte Mutter fragte eines Freitags, als sie sich auf dem Markte begegneten, Frau Presskopf, ob sie kein Mittel wüsste, Lorchens Sehnsucht zu stillen?

"Ich will Ihne ebbes sage, Fraa Gevattern", antwortete die verständige Frau, "gehn se als mit dem liewe Meedche owends e bis'che uff der nei Brück spaziere, wo die arme Kinner vor e paar Woche so glücklich warn. Das kann helfe!"

"Do könne Se recht hawwe", sagte die Freundin verständnisinnig; "ich sag Ihne, mein Alter is 'n wahrer Narr, seitdem er den Dampfschiffsbock im Kopp hot."

"So sein se all minanner, wann se was im Kopp hawwe", entgegnete diese. Darauf trennten sie sich.

Noch an demselben Abend ging Lorchen mit ihrer Mutter auf der Strassenbrücke spazieren und gedachte mit Wehmuth der vergangenen Zeit. Aber zu ihrem lebhaften Erstaunen hatte sich die Frequenz auf der Brücke gesteigert - es ging noch einer da! Dieser Eine kam näher, und wie sie bei der haushälterischen Beleuchtung endlich erkennen konnte, war's - Schambes! Die stärkste Stahlfeder wäre zu schwach, die Wonne dieses so unverhofften Wiedersehens zu schildern.

Genug, Lorchen ging von da ab jeden Abend mit ihrer Mutter, der frischen Luft wegen, auf die Rheinbrücke, und auch Schambes fühlte ein solches Bedürfnis nach dem Rhein, dass er niemals fehlte. Sie plauderten da von Allem, nur nicht von Liebe, weil sie das nicht durften, und des Rheines Wellen murmelten vergnüglich dazu. So verging dem Pärchen das Jahr mit Hangen und bangen. Aber die unglücklich Liebenden nahmen wieder sichtbarlich zu und bekamen ein täglich blühenderes Aussehen.

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Theodor Eichberger: Liebe und Trajekt. Mainzer Lokal-Humoreske.
In: Mainzer Fastnachts-Zeitung 1886


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