Theodor Eichberger (1835-1917)


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Schwewwel auf dem Kriegs-Schauplatze *) (I.)

(Original-Bericht von unserem Kriegs-Reisenden.)

[Von Th. Eichberger]

Glaabsnor bei Erzerum, 17. Mai

Um allen Bahnhofsovationen mit obligatem Fenstereindrücken einerseits und Absperrungsmaßregeln andererseits zu entgehen, verließ ich Mainz im strengsten Incognito und reiste ohne Aufenthalt via Triest nach Konstantinopel, wo ich sogleich vom Sultan huldreichst empfangen wurde, denn - er kannte ja den Schwewwel! Abdul Hamid gab mir die Hand, wobei er mit einem unterdrückten Seufzer bemerkte, daß er, bevor ein neues Anlehen abgeschlossen, nichts anders geben könne. Ich notire: Geld loco flau, Termine aussichtslos. Ich bedauerte, daß sich Rußland der Türkei gegenüber als Gläubiger genirte und rieth dem Sultan, sein Geschäft in eine Commandit-Gesellschaft umzuwandeln. Er war sichtlich überrascht von meiner tiefsinnigen Bemerkung und that einige lange Züge aus seiner Nargileh.Dann erhob er langsam seine Hand und deutete wehmütig lächelnd auf eine prachtvolle kleine Marmorstatue, welche den Kaminsims zierte, indem er dabei ausrief: "Ja, bei Allah, wenn unser Pariser Geschäftsfreund noch lebte, dann - -" Er konnte nicht vollenden; ein bewaffneter Jungtürke in modernster Kleidung stürzte herein und stellte sich drohend hinter uns, um unser Gespräch zu belauschen. Anstandshalber klagte der Sultan plötzlich über sein altes Zahnweh und entließ mich mit der Versicherung, daß es ihn sehr gefreut habe; er werde mir bald auf den Kriegsschauplatz nachfolgen. Ich wünschte gute Besserung und empfahl mich.

Freilich tönten wunderbar süße Gesänge von der Haremseite her an mein Ohr, als ich den großherrlichen Palast verließ; freilich sah ich sogar in der Ferne eine reizende unbewachte Odaliske, welche in jugendlicher Schönheit mit der ganzen Grazie ihres Geschlechts das Cymbal schlug, aber ich ließ den Harem links liegen und schiffte hinüber nach Scutari.

Nun ging's durch Kleinasien, nach Erzerum zu. Die dortigen Wege sind bekanntlich je nach ihrer Beschaffenheit bald gut, bald schlecht und entbehren der Eisenbahnen, weßhalb ich genöthigt war, meine Reise auf einem gefütterten Maulesel fortzusetzen. Ich machte dabei in Bezug auf die Eselspreise die erwähnenswerthe Bemerkung, daß dieses Land doch nicht so hinter der Cultur zurück ist, als der Czar glaubt, denn die Esel müssen hier gerade so gut bezahlt werden, wie z. B. in Wiesbaden und anderen civilisirten Kurorten. Ich kam durch Ishimid, Bosjakaköi, Angora, Kapuköi, Tokat, Siwas, Diwriti u. s. w., welche Orte aber bereits Jedermann kennt, so daß ich darüber keine Worte zu verlieren brauche. Ebenso bekannt ist es, daß die Bevölkerung hauptsächlich aus Kurden und Angora-Geisen, welche die s. g. Kameelziegenhaare liefern, besteht; in letzterem Artikel bin ich noch nicht gereist! Ich näherte mich immer mehr dem Kriegsschauplatze, was ich an einzelnen Zeichen deutlich wahrnehmen konnte. Unter den Kurden, welche ausnahmsweise statt des Turbans meistens eine spitze, gelbe Filzmütze tragen, herrschte in Folge Befehls der Paschah's allerwärts die größte Begeisterung. Die kriegerische Jugend in ihrer malerischen Nationaltracht durchzog unter Pauken- und Trompetenschall die Straßen, und intonirte das patriotische Lied: "Die Wacht am schwarzen Meere!" - Ja ich gewahrte sogar bei meinem Einzug in Glaabsnor einen ehrsamen Schneidermeister mit langem Zwickelbart, die Kurdenmütze keck zurückgeschoben, welcher auf seinem Arbeitstisch sitzend, mit Donnerstimme das Feldgeschrei erschallen ließ: "Allah Esmid!" während er dazu mit den Füßen trommelte. Zu deutsch heißt das eigentlich: "Hurrah!" und ist in diesem Artikel durch die starke Nachfrage einzelner Pascha's ein belebtes Geschäft zu Engros-Preisen. Der hiesige Pascha soll übrigens ein sehr netter Mann sein, der bereits die bekannte türkische Trägheit abgelegt hat und mehr der russischen Cultur zuneigt; besonders soll seinen Befehlen eine gewisse Ukasform nicht abzusprechen sein, was natürlich sehr geeignet ist, den allgemeinen Patriotismus zu erhöhen.- -

Für heute muß ich abbrechen, denn es bietet sich mir soeben, während mein Esel neu gefüttert wird, Gelegenheit, von einer vielsagenden Persönlichkeit wichtiges zu hören. - Details in nächster Notirung. Schluß-Course: matt. Börse: gedrückt.

*)   Auch wir können uns dem allgemeinen Zug der Presse nach Original-Kriegsberichten nicht mehr entziehen. Wir haben deßhalb keine Kosten gescheut und einen unserer routinirtesten Reisenden, welcher eben erst die neuesten Landwehr-Uebungen mit den besten Zeugnissen absolvirte, nach dem orientalischen Kriegsschauplatze abgeschickt. Derselbe wird, vermittelst guter Referenzen, im Stande sein, Original-Thatsachen zu berichten, wovon sich die anderen Blätter nichts träumen lassen, was um so glaubhafter erscheint, wenn wir versichern, daß er früher schon in ähnlicher Branche für ein bedeutendes Haus gereist ist. Da uns außerdem die J. Gottsleben'sche Buchdruckerei ihre sämmtlichen, wahrhaft künstlerisch ausgeführten Annoncen-Cliché's zur Verfügung gestellt hat, so können wir diese Kriegsberichte ebenso reich als originell illustiren und wird diese glückliche Verbindung von Wort und Bild das Verständniß wesentlich erleichtern. D. R.

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Theodor Eichberger: Schwewwel auf dem Kriegs-Schauplatze. [I. Erzerum]
In: Mainzer Schwewwel, II. Jg, Nr. 20 vom 20. Mai 1877


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