Theodor Eichberger (1835-1917)


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Schwewwel auf dem Kriegs-Schauplatze (III.)

(Original-Bericht von unserem Kriegs-Reisenden.)

[Von Th. Eichberger]

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Gehtsdogehts bei Bukarest

Rumänien hat Europa seine Unabhängigkeit und der Türkei den Krieg erklärt! Diese welterschütternde Nachricht traf mich, als ich im Begriff war, die Schlacht von Ardahan augenzeuglich zu beschreiben. Ich ließ sie darauf hin, weil ich nur Neuheiten bringen will, unbeschrieben und notirte. Rumänier gestiegen. Es versteht sich von selbst, daß ich sogleich nach Rumänien abreiste, denn das war mir sofort klar, die Türkei war jetzt verloren! Und die Reise war wirklich das Geld werth. Es ist immer etwas erhebendes, wenn sich ein Volk erhebt! - Sogleich bei meinem Eintritt in die Wallachei bemerkte ich einen würdigen Diener der Gerechtigkeit, welcher unter dem Geläute der Glocke die Unabhängigkeitserklärung erklärte. Daß darüber ein ungeheuerer Jubel unter der Bevölkerung herrschte, brauche ich nicht zu sagen, da sorgen in der Regel die Regierungsorgane dafür. Das dienstbare Volk, welches bisher in abhängigen Verhältnissen leben mußte, kehrte frohlockend seiner Herrschaft den Rücken und feierte mit luftigen Sprüngen das Ende der Knecht- und Magdschaft! - Je weiter ich kam, desto mehr konnte ich mich überzeugen, daß der furchtbare Ernst der Situation Alles erfaßte. Ich sah öfter ein Paar jener zahlreichen Bewohner Rumäniens, welche bisher wegen mangelnder Selbstständigkeit nicht im Stande waren, ein menschenwürdiges Dasein zu führen, die Köpfe zusammen stecken und bereit, für das Wohl des Vaterlandes, wenn es sein müßte, den Opfertod zu erleiden! - Ich kam in die Hauptstadt Rumäniens. Bukarest ist größer als die kleineren Städte des Landes, deßhalb ist auch der Kriegslärm hier größer, besonders was das Trommeln betrifft. Der Enthusiasmus ist kolossal, denn ein Königsthron ist in Sicht! Wer kann, will und muß greift zu den Waffen. Die rumänische Landwehr schwadronirt im Sturmschritt durch die Straßen, um sich dem zu erwartenden russischen Oberstkommandirenden anzuschließen. - Ja, es gibt hier sogar eroberungslustige Damen, welche ebenfalls für die Freiheit und Unabhängikeit schwärmen, und gerne bereit sind, ein Kommando zu übernehmen. So begeistert ist diese edle Nation! - Werden die Türken alledem widerstehen können?Ich weiß es nicht, sobald ich aber etwas darüber erfahre, will ich mir's notiren. Allein stehen kann ja das rumänische Kindlein jetzt schon und daß es auch bald allein laufen wird, dafür bürgen solche patriotischen Anzeichen. Ich bin jedenfalls auf dem Laufenden, wenn ich behaupte, der Lauf der Dinge habe es zum Laufen gebracht und wenn's vorsichtig ist und nicht überläuft, so kann die neue Firma auch Anerkennung finden, sofern sie die Grossisten aufkommen lassen. - - -

Die schnelle Reise hat meinen Stoff erschöpft, weßhalb ich meine kommenden Erlebnisse erst das nächste Mal in Nota bringen kann. Sonst geht mir's aber noch gut.

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Theodor Eichberger: Schwewwel auf dem Kriegs-Schauplatze. [III. Bukarest]
In: Mainzer Schwewwel, II. Jg, Nr. 22 vom 3. Juni 1877


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