Theodor Eichberger (1835-1917)


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Schwewwel auf dem Kriegs-Schauplatze (IV.)

(Original-Bericht von unserem Kriegs-Reisenden.)

[Von F. Kötter]

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Rzwblschtwbsky, Juli 1877.

Sie werden durch den Telegraphen bereits in Kürze erfahren haben, wie es gekommen ist, daß ich Ihnen so lange nicht geschrieben habe *). Indem ich nicht weiß, ob ich nicht bald wieder in eine fatale Lage, nicht berichten zu können, komme, will ich nicht unterlassen, meine Schicksale zu erzählen. Ehe der Donau-Uebergang bewerkstelligt wurde, ließ mich Sr. Maj. der Kaiser Alexander zu sich bitten und legte mir die Frage vor: "Lieber So und So, rathen Sie mir, daß ich die Donau überschreite?" Ich sagte: "Wenn Ew. Maj. um die Donau herum nach Bulgarien kommen könnten, wäre es besser, denn das Wasser hat auch in der Donau keine Balken; wenn das aber wegen des europäischen Gleichgewichts nicht angeht, dann lassen Ew. Maj. bei Braila und Simnitza-Sistowa eine Brücke schlagen und Ihre Truppen in Feindes Land marschiren." Wenige Tage später ließ mich Sr. Maj. wieder rufen und fragte mich: "Sie sind Special-Correspondent des Schwewwel?" Während es mich am Halse juckte, antwortete ich festen Tones: "Ja, Majestät!" "so lassen Sie mir regelmäßig 12 Exemplare desselben sons bande zugehen **); dem Schwewwel verdanke ich den glücklichen Donau-Uebergang, denn wäre der Schwewwel nicht, dann wären Sie wahrscheinlich nicht hier, und wären Sie nicht hier, dann hätte ich gar nicht gewußt, wie und wo die Donau überschreiten!" Als ich diese hohe Anerkennung in meiner, allen Mainzern bekannten Bescheidenheit ablehnen wollte, legte mir Sr. Maj. einen Orden auf den Mund, dessen Bild hier folgt zum Beweise, daß ich nicht lüge, wie es Correspondenten-Art. Dann sprach der Kaiser:

"Nun gehen Sie nach Armenien zu Loris-Melikoff und rathen Sie ihm, wie er Kars am schnellsten erobert." Ich bestieg sofort den Schimmel, den sie auf dem letzten Hochheimer Markt um 10,000 Mark kauften und mir als Correspondenten-Pferd zum Geschenk machten und ritt so leichten Muthes nach dem Kaukasus hinüber, als ging's nach Gonsenheim oder Zahlbach. Der Schimmel wurde mir von den aufständischen Tscherkessen unter dem Leibe zweimal todt geschossen, so daß die eine Kugel, mit der das geschah, durch und durch ging und mir in die Hosentasche fuhr. Diese welthistorische Kugel wird jeder gern einmal sehen. Hier ist sie:

Ein Kosak gab mir dann sein Pferd, ich setzte mich drauf, der Kosak hängte sich mit seiner Branntweinflasche am Bauche des Pferdes quer an die Steigbügel, und so kam ich zu Loris-Melikoff, der aber schon Kars links liegen gelassen hatte, sonst hätte ich es genommen, da ich, wie Sie aus dem Honorar, das ich mir ausbedungen, ersehen, im Nehmen mich nicht hinten finden lasse. Da in Folge der großen Retirade der Russen in Armenien nichts mehr für mich zu wirken blieb, gab ich allen - loff, - toff, - koff, - soff Befehl, wieder zu Muttern aufzubrechen, warf mich in's Schwarze Meer, schwamm durch den Hellespont, wo ich dem berühmten verliebten Leander einen schönen guten Morgen zurief, den er freundlich erwiderte, indem er mir seine schon etwas gealterte Geliebte Hero zeigte, schwamm dann in die Donau und traf schwimmend im Hauptquartiere des Czaren ein, als gerade Alles sehr schief stand.

Ich sagte: "Majestät, schicken Sie die Truppen über den Balkan." Der Kaiser gehorchte. Ich gab mich zum Führer her, ließ mir aber aus Vorsicht meinen Schnurrbart, von dem Sie eine Photographie besitzen, abrasiren, steckte mich in Frauenkleider und so ging's - hoste nit geseh'n! - über den Schipkapaß, wo die Russen erst einen Schnaps tranken und dann den Türken einen Kugelgruß zuschickten. In meiner Blücher'schen Art, überall vorne zu sein, fiel ich den retirirenden Türken in die Hände, die mich für ein Frauenzimmer hielten und mich vor den Pascha mit etlichen Roßschweifen brachten. Dieser hatte schon circa ein Dutzend Schlachten verloren und hoffte sich in die Gunst des Sultans zu setzen, wenn er mich ihm für seinen Herrn zum Geschenk machte. So kam ich in das Serail Sultan Abdul Hamids. Als ich unter die Muselfräulein trat, die mich scheel ansahen, weil ich die schönste unter ihnen war: wen erblicke ich - eine ehemalige Dienstmagd von meiner Urgroßmutter, die Margreth - Sie kannte mich an dem Schnurrbart, den ich einst gehabt hatte, rief mir zu: "Lieber So und So! Biste do!" Ich erzählte ihr mit fliegendem Athem mein Schicksal, sie greift in die atlas'nen Pumphöschen à la Wagner, holt eine Strickleiter heraus und gibt sie mir. Eben tritt der Sultan in's Gemach, um mir einen Besuch zu machen - 1, 2, 3 war ich zur Thür draußen, setze über die Gartenmauer und als ich unten ankomme, wen sehe ich? Meinen Schimmel! Die Kugel hatte, wie er mir zu verstehen gab, nur einen Spaziergang durch seinen Corpus gemacht, die Löcher waren mit Leinwand zugeklebt. Ich bestieg das Pferd, setzte ihm die Sporen - ja so, ich war Frauenzimmer. Also ich ritt schnurstracks nach Jeni-Sagra, wo ich schon wieder vermißt wurde. Der commandirende General wußte nicht, ob er rechts oder links sollte. Ich sagte, marschiren Sie nur immer hin, wo ich hergekommen bin und geniren Sie sich nicht vor den Engländern. Alle schrieen aus vollem Halse: "Hurrah!" daß es 10 Meilen im Umkreis nach Wutti roch. Hiernach setze ich mich hin, um diesen Brief zu schreiben. Das Dintenfaß hält mir eine reizende Bulgarin, aber sagen Sie davon meiner Frau nichts.

Ohne meinen treuen Schimmel wäre ich vielleicht nicht mehr am Leben und dieser Bericht würde nicht existiren. Die ganze Lesewelt des "Schwewwel" wird daher in dankbarer Empfindung Verlangen tragen, dieses seltene Thier einmal genau kennen zu lernen. Hier ist es:

P. S. Meinen nächsten Brief erhalten Sie entweder gar nicht, oder ich bringe ihn aus Konstantinopel selbst.

*)   Wir würden uns einer Versündigung gegen unsere Leser zeihen müssen, wenn wir nicht bemerkten, daß der Telegraph, der sonst das uninteressanteste befördert, diese wichtige Nachricht uns nicht gemeldet hat. D. R.

**)  Wir harren noch der betreffenden Bestellung. Die Expedition.

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F. Kötter: Schwewwel auf dem Kriegs-Schauplatze. [IV. Rzwblschtwbsky]
In: Mainzer Schwewwel, II. Jg, Nr. 29 vom 22. Juli 1877


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