Theodor Eichberger (1835-1917)


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Schwewwel auf dem Kriegs-Schauplatze (V.)

(Original-Bericht von unserem Kriegs-Reisenden.)

[Von Th. Eichberger]

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Wien, 8. August 1877

Mit unbegreiflicher Spannung werden die verehrl. Leser einem neuen Berichte entgegen sehen, da ich seit 3 Wochen nichts von mir hören ließ. Das ist aber kein Wunder, denn ich habe Sachen erlebt, die ich erst jetzt bei kühlem Wetter niederschreiben kann. Auch ich war der Spionage verdächtig, was zwar nicht selten, aber unangenehm ist. Das war nämlich so. Ich hatte mich länger in Konstantinopel aufgehalten, als ich eigentlich wollte, weil mir der Sultan sagte, ich sollte doch warten, er wollte mit auf den Kriegsschauplatz und da könnten wir uns vereint durchfechten. Er hatte aber alle Tage eine andere Ausrede; bald hieß es, er wolle die "Fahne des Propheten" ergreifen, dann wollte er wieder zuvor den Beamten die Hälfte von den Gehältern abziehen, die sie ohnedies nicht erhalten, u. dgl. Schwewwel mehr, so daß ich gezwungen war, allein abzureisen. Damit hatte ich aber die schöne, siegreiche Zeit der Russen verplempert, denn als ich durch die verschiedenen "Nopel" und "Popel" endlich an einen Balkanpaß gelangte, und "unseren Freund" zu finden hoffte, zeigte mir ein schadenfroher Derwisch den Weg, auf welchem er sich bereits zurückgeworfen hatte. - Ich machte an dieser Stelle auch einen merkwürdigen Fund, den ich der Curiosität wegen hier beilege. Es ist die erste Kralle, welche der russische Adler in diesem Kriege verloren hat! Bei meiner Weiterreise traf ich mit dem siegreichen Suleiman Pascha zusammen. Während ich ihn begrüßte, bemerkte ich zu seinen Füßen beiliegenden Gegenstand, den ich zuerst für ein christliches Löschhorn hielt. Es war aber, wie ich beim Aufheben gewahrte, eine Russennase! "Eigene Arbeit?" frug ich den Pascha mit einem vielsagenden Blick. "Nein, lieber Schwewwel," antwortete er leutselig, "das ist die Nase, welche die Russen gemacht haben, als sie abziehen mussten. - Ich dankte für die Auskunft und wandte mich in's russische Lager, um dem General Biederer-Schildaer meine Aufwartung zu machen. Er schien mehr geschlagen, als niedergeschlagen zu sein. Ich begann, mit Rücksicht auf das Peinliche der Situation, vom Wetter zu sprechen. Da fing aber der General selbst zu wettern an, daß ich erstaunt zuhören mußte. "Millionenknutendonnerwetter!" polterte er, "Ihr Zeitungsmenschen glaubt, wir wären schon geschlagen? Tod und Sibirien! Wartet nur, wenn die Landwehr kommt! Ihr schreibt, wir befolgten keinen einheitlichen Plan? Sollen wir vielleicht einem Plan gehorchen, statt unserem Kaiser? Bomben und Torpedos! Hat nicht der kaiserliche Ukas, welcher auf's Neue an 200,000 Landwehrmänner einberief, in Petersburg einen ukasmäßigen Enthusiasmus hervorgerufen? - Und sollte das nicht langen, so hat unser großes Rußland noch lange nicht seine männliche Bevölkerung erschöpft;wir werden auch die jungen Kräfte heranziehen. Da schaut selbst," rief er grimmig und öffnete einen Riß seines Zelttuches. Und ich sah, daß wirklich noch welche auf dem Wege waren. - Ich konnte mich jedoch nicht enthalten, über die Aushebung der Jungen einigen Schwewwel zu machen. Aber im Nu hatten mir etliche Leibkosaken das Wort abgeschnitten und versucht; mich mundtodt zu machen, woraus ich entnahm, daß die Kosaken den Schwewwel nicht leiden mögen. Ein Offizier, der wahrscheinlich schon an der russisch-preußischen Grenze gelegen hatte, weil er die Behandlung des "lieben Grenznachbars" so gut verstand, befahl, mir eine Kette an beide Hände zu legen und mich als Spion vor ein Kriegsgericht zu schleppen. Als deutscher Journalist an's Gehorchen gewöhnt, folgte ich willig. Dort angekommen, wurde ich ohne Weiteres nach meiner Landesangehörigkeit gefragt. Ich nannte mit Stolz Hessen-Darmstadt. Das war mein Glück! Wie die Bevölkerung Darmstadts berühmt ist durch ihre Mildthätigkeit, wenn Ueberschwemmungen u. dgl. das eigene Land betreffen, so hat auch sie beschlossen, Liebesgaben für die Russen zu sammeln. Und gerade an diesem Morgen war wieder eine ungeheure Sendung im Lager eingetroffen. Die Kosaken knurrten vergnügt: "Hurrah Dammscht!" Die Richter waren wie umgewandelt. In zuvorkommendster Weise wurden mir die Handschellen gelöst, während man mich ersuchte, kein Aufhebens von der Sache zu machen. Ein Genie-Lieutenant überreichte mir eine Abbildung dieser ewig denkwürdigen Begebenheit, welche er selbst während der Verhandlung genial angefertigt und die ich hier beifüge. Ich ernannte ihn zum Ehrenmitarbeiter des "Schwewwel". Ein Russe, der im Begriffe war, einen von den Darmstädter Liebesgaben herrührenden "Kirschen-Michel"*) zu verzehren, lud mich ein, 'mal zu beißen. ich offerirte ihm dagegen, als Aequivalent für die Fahne des Propheten ein Elixir, welches er sogleich, auch ohne die Devise lesen zu können, für den wahren Jakob erklärte. Da ich mich wieder einmal nach menschlicher Gesellschaft sehnte und außerdem erfahren hatte, daß sich in Oesterreich mobilisirende Ereignisse vorbereiten sollten, machte ich einen kleinen Abstecher nach Wien, wo der Schwewwel bekanntlich jederzeit eine Rolle spielt. Um aus bester Quelle zu schöpfen, eilte ich zu einem bekannten Diplomaten der Kaiserstadt. Er saß wie gewöhnlich am grünen Tische, in das Studium der Kriegskarten vertieft. "Spielen Excellenz endlich Trumpf aus?" frug ich neugierig. Se. Excellenz warfen mir einen staatsmännischen Blick zu und sprachen: "I schaun's! So ein kleinen Trumpf könnt' man schon riskiren, aber man kann holter immer nit wissen, ob's einem nachher nit zwingen, Trumpf-Aß zu spielen!"

Ich wußte genug und begab mich zum nächsten Briefkasten um diesen Brief aufzugeben.

Theodor Eichberger: Schwewwel auf dem Kriegs-Schauplatze. [V. Wien]
In: Mainzer Schwewwel, II. Jg, Nr. 32 vom 12. August 1877


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