Schwewwel auf dem Kriegs-Schauplatze (V.)
(Original-Bericht von unserem Kriegs-Reisenden.)
[Von Th. Eichberger]Wien, 8. August 1877
Mit unbegreiflicher Spannung werden die verehrl. Leser einem neuen Berichte
entgegen sehen, da ich seit 3 Wochen nichts von mir hören ließ. Das ist
aber kein Wunder, denn ich habe Sachen erlebt, die ich erst jetzt bei kühlem
Wetter niederschreiben kann. Auch ich war der Spionage
verdächtig, was zwar nicht selten, aber unangenehm ist. Das war nämlich
so. Ich hatte mich länger in Konstantinopel aufgehalten,
als ich eigentlich wollte, weil mir der Sultan sagte, ich sollte doch warten,
er wollte mit auf den Kriegsschauplatz und da könnten wir uns vereint durchfechten.
Er hatte aber alle Tage eine andere Ausrede; bald hieß es, er wolle die
"Fahne des Propheten" ergreifen, dann wollte er wieder zuvor den
Beamten die Hälfte von den Gehältern abziehen, die sie ohnedies nicht erhalten,
u. dgl. Schwewwel mehr, so daß ich gezwungen war, allein abzureisen. Damit
hatte ich aber die schöne, siegreiche Zeit der Russen verplempert, denn
als ich durch die verschiedenen "Nopel" und "Popel"
endlich an einen Balkanpaß gelangte, und "unseren Freund" zu finden
hoffte,
zeigte
mir ein schadenfroher Derwisch den Weg, auf
welchem er sich bereits zurückgeworfen hatte. - Ich machte an dieser Stelle
auch einen merkwürdigen Fund, den ich der Curiosität wegen hier beilege.
Es
ist die erste Kralle, welche der russische Adler
in diesem Kriege verloren hat! Bei meiner Weiterreise traf ich mit dem siegreichen
Suleiman Pascha zusammen. Während ich ihn begrüßte, bemerkte ich
zu seinen Füßen beiliegenden Gegenstand, den ich zuerst für ein christliches
Löschhorn hielt. Es war aber, wie ich beim Aufheben gewahrte, eine
Russennase!
"Eigene
Arbeit?" frug ich den Pascha mit einem vielsagenden Blick. "Nein,
lieber Schwewwel," antwortete er leutselig, "das ist die Nase,
welche die Russen gemacht haben, als sie abziehen mussten. - Ich dankte
für die Auskunft und wandte mich in's russische Lager, um dem General
Biederer-Schildaer meine Aufwartung zu machen. Er schien mehr geschlagen,
als niedergeschlagen zu sein. Ich begann, mit Rücksicht auf das Peinliche
der Situation, vom Wetter zu sprechen. Da fing aber der General selbst zu
wettern an, daß ich erstaunt zuhören mußte. "Millionenknutendonnerwetter!"
polterte er, "Ihr Zeitungsmenschen glaubt, wir wären schon geschlagen?
Tod und Sibirien! Wartet nur, wenn die Landwehr kommt! Ihr schreibt, wir
befolgten keinen einheitlichen Plan? Sollen wir vielleicht einem Plan gehorchen,
statt unserem Kaiser? Bomben und Torpedos!
Hat
nicht der kaiserliche Ukas, welcher auf's Neue an 200,000 Landwehrmänner
einberief, in Petersburg einen ukasmäßigen Enthusiasmus hervorgerufen? -
Und sollte das nicht langen, so hat unser großes Rußland noch lange nicht
seine männliche Bevölkerung erschöpft;
wir
werden auch die jungen Kräfte heranziehen. Da schaut selbst," rief
er grimmig und öffnete einen Riß seines Zelttuches. Und ich sah, daß wirklich
noch welche auf dem Wege waren. - Ich konnte mich jedoch nicht enthalten,
über die Aushebung der Jungen einigen Schwewwel
zu machen. Aber im Nu hatten mir etliche Leibkosaken das Wort
abgeschnitten und versucht; mich mundtodt zu
machen, woraus ich entnahm, daß die Kosaken den
Schwewwel nicht leiden mögen. Ein Offizier, der wahrscheinlich schon an
der russisch-preußischen Grenze gelegen hatte, weil er die Behandlung des
"lieben Grenznachbars" so gut verstand, befahl, mir eine Kette
an beide Hände zu legen und mich als Spion vor ein Kriegsgericht zu schleppen.
Als deutscher Journalist an's Gehorchen gewöhnt, folgte ich willig. Dort
angekommen, wurde ich ohne Weiteres nach meiner Landesangehörigkeit gefragt.
Ich nannte mit Stolz Hessen-Darmstadt. Das war
mein Glück! Wie die Bevölkerung Darmstadts berühmt
ist durch ihre Mildthätigkeit, wenn Ueberschwemmungen u. dgl. das
eigene Land betreffen, so hat auch sie beschlossen, Liebesgaben für die
Russen zu sammeln. Und gerade an diesem Morgen war wieder eine
ungeheure Sendung im Lager eingetroffen. Die Kosaken knurrten vergnügt:
"Hurrah Dammscht!" Die Richter waren wie umgewandelt.
In
zuvorkommendster Weise wurden mir die Handschellen gelöst, während man mich
ersuchte, kein Aufhebens von der Sache zu machen. Ein Genie-Lieutenant überreichte
mir eine Abbildung dieser ewig denkwürdigen Begebenheit, welche er selbst
während der Verhandlung genial angefertigt und die ich hier beifüge. Ich
ernannte ihn zum Ehrenmitarbeiter des "Schwewwel".
Ein
Russe, der im Begriffe war, einen von den Darmstädter
Liebesgaben herrührenden "Kirschen-Michel"*)
zu verzehren, lud mich ein, 'mal zu beißen. ich offerirte ihm dagegen, als
Aequivalent für die Fahne des Propheten ein Elixir, welches er sogleich,
auch ohne die Devise lesen zu können, für den wahren
Jakob erklärte. Da ich mich wieder einmal nach menschlicher Gesellschaft
sehnte und außerdem erfahren hatte, daß sich in Oesterreich mobilisirende
Ereignisse vorbereiten sollten, machte ich einen kleinen Abstecher nach
Wien, wo der Schwewwel bekanntlich jederzeit eine Rolle spielt. Um
aus bester Quelle zu schöpfen, eilte ich zu einem bekannten Diplomaten der
Kaiserstadt. Er saß wie gewöhnlich am grünen Tische, in das Studium der
Kriegskarten vertieft. "Spielen Excellenz endlich
Trumpf aus?" frug ich neugierig. Se. Excellenz warfen mir einen
staatsmännischen Blick zu und sprachen:
"I
schaun's! So ein kleinen Trumpf könnt' man schon riskiren, aber man kann
holter immer nit wissen, ob's einem
nachher nit zwingen, Trumpf-Aß zu spielen!"
Ich wußte genug und begab mich zum nächsten Briefkasten um diesen Brief aufzugeben.
In: Mainzer Schwewwel, II. Jg, Nr. 32 vom 12. August 1877


