Theodor Eichberger (1835-1917)


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Vertrauliche Vorschläge

an den Verwaltungsrath der Hess. Ludwigsbahn.

Mainzer Eisenbahnverwaltung auf einer alten Ansichtskarte
Das Gebäude der Eisenbahndirektion in Mainz

In vollständiger Uebereinstimmung mit unserem Verwaltungsrathe können wir Actionäre dem bei unserer Ludwigsbahn besonders in neuester Zeit eingeführten Sparsystem unsere Anerkennung nicht versagen. - Die schöne Zeit der sieben fetten Actienkühe ist leider vorläufig vorüber und auch bei uns Ludwigsbahn-Actionären haben sich schon die mageren, wenn auch nicht alle sieben, eingestellt. Um aber den Ausfall an Dividendenmilch einigermaßen zu ersetzen, muß unbedingt am Futter der Melkkuh gespart werden. - Angesichts der dieser Tage stattfindenden Generalversammlung von uns Actionären, wollen wir unserem Verwaltungsrath einige weitere Vorschläge zur nützlichen Ersparung unnöthiger Ausgaben unterbreiten, und hoffen, daß dieselben die ungetheilte Billigung finden werden. Wir Actionäre geben damit unserm zeitigen Verwaltungsrath zugleich ein Vertrauensvotum über seine seitherige Wirksamkeit, welche als ein schönes Beispiel in dieser verdienstlosen Zeit des schlechten Actienstandes hervorleuchtet!

Wir Actionäre schlagen vor:

a. Beamten-Anstellungs- und Bureau-Ersparnisse.

1) jede unnötige Schreiberei soll vermieden werden, denn sie kostet Dinte und Papier! Darum sollen keine Personen mit mehrsilbigen Namen, welche bei Eintragung in die Bücher breite Rubriken erfordern, eingestellt werden. Bei der gehörigen Einsilbigkeit können auch die Bücher schmal geführt werden.

2) Zur weiteren Ersparniß an Schreibmaterialien sollen die überzähligen Bureau-beamte, auch Supernumerare genannt, nur auf Schiefertafeln schreiben, da dieselben einen öfteren Gebrauch zulassen. Wer sie zerbricht, soll eine neue für sein Geld anschaffen, wo ihm auch Gelegenheit geboten ist, sich die nötigen Griffel schenken zu lassen.

3) Da der Verbrauch von Stahlfedern in den Bureau's jedenfalls ein bedeutender ist, so soll, um den theueren Stahl zu sparen, ein Preisausschreiben für Herstellung von Schreibfedern aus verzinntem Eisenblech erlassen werden. Dem glücklichen Erfinder kann als Preis die unentgeltliche Lieferung für die Ludwigsbahn zugesichert werden.

4) Bei allenfallsiger Anstellung von Protections-Beamten soll ein Fetter mehr Berücksichtigung finden, als ein Magerer, weil ersterer schon von vornherein mehr Gehalt hat, als der letztere, welcher sich überhaupt nicht so breit machen kann. - kostspielige Protectionen sollen mit Nichten vorkommen.

b. Reparaturkosten-Ersparnisse.

5) Für die Instandhaltung des jetzigen prachtvollen Bahnhofes, dessen Jahre leider gezählt sind, soll kein Pfennig mehr verausgabt werden. - (Es sei hier noch bemerkt, daß man den projectirten Bahnhof vor dem Münsterthor bedeutend einfacher bauen kann, denn Prachtbauten kosten Geld.)

6) Eine solche Verschwendung, wie sie bei dem Ausflicken des Asphaltbodens auf dem Perron zu sehen ist, soll nicht wieder vorkommen! Man hat nämlich die schadhaften Stellen so reichlich mit dieser Masse ausgefüllt, daß die neuen Flicken ca. 1 Ctm. über die alte Bodenfläche ragen. Diese überflüssige Masse hätte gespart werden können; überhaupt hat dieses Ausflicken Geld gekostet und nutzt nichts, denn es bleibt sich doch gleich, ob man durch die Vertiefung der Löcher oder über die Erhabenheit der Flicken stolpert.

7) Der Bahnübergang am Holzthor, jenseits des Steges, soll nicht verbessert werden, wenn er auch noch 10mal grundloser wird, als jetzt. Sollten auch wirklich einige Nichtactionäre darin umkommen, so werden sie in Zukunft den Steg nicht mehr abnutzen helfen, was auch Ersparniß ist.

8) Bei unbedingt nöthiger Anlage von Geländern soll dasjenige unserer Collegin, der Taunusbahn, welches sich am Fischthor an dem Maschinenhäuschen befindet, mustergiltig sein! Es ist jedenfalls das Billigste, was sich in diesem Genre herstellen läßt.

c. Betriebskosten-Ersparnisse.

9) Bei dem Betrieb ist die größte Sparsamkeit nicht nur Pflicht, sondern auch Vortheil. Die gebrauchten Fahrbillets werden zwar eingestampft und wieder bei Herstellung der neuen verwendet, aber es gehen jährlich hunderttausend Schnipsel von diesen Billets durch das Coupiren verloren. Zur Vermeidung dieses Verlustes soll in Zukunft jeder Conducteur die Coupir-Schnipsel in einer Büchse sammeln, ähnlich wie die Spitzen der Cigarren in den Läden gesammelt werden. Diese wohlverschlossenen und nummerirten Büchsen sollen sich die Conducteure selbst anschaffen dürfen, während die Supernumerare durch Nachzählung der Schnipsel eine genaue Kontrolle üben können und außerdem angenehm beschäftigt werden.

10) Die Heizung der Waggons soll an kalten Tagen unterbleiben, dagegen soll im Frühjahr, wenn's bereits warm ist, einigemal geheizt werden. Das kostet nicht viel und ein Theil des Publikums glaubt sogar, es würde mehr als nöthig geheizt! Eine vollständige Heizung der Waggons für den ganzen Winter soll aus Geschäfts-Interesse nur bei der Odenwaldbahn stattfinden, wo man sich den allenfalls mitfahrenden einen Passagier warm halten muß.

11) die Ausgabe von Retourbillets verkürzt die Einnahme unnöthigerweise, denn wer ein solches nimmt, beweist ja schon, daß er wieder retourfahren muß, weßhalb man nicht nöthtg hätte, ihm die Fahrt gu ermäßigen. Dem könnte auf zweierlei Art abgeholfen werden; entweder ein Retourbillet kostet 25% mehr als zwei einfache, oder es hat nur Giltigkeit für denjenigen Zug, welcher den von dem Passagier benutzten unterwegs kreuzt. Letzteres würde besonders dann ergiebig werden, wenn Jeder gehalten wäre, ein Retourbillet zu lösen!

In der sicheren Erwartung, daß diese wohlgemeinten Vorschläge von unseren Mitactionären mit Freuden begrüßt werden, zeichnen

mit der bekannten Wiederwählbarkeit

S. O. Filzig, U. R. Spindig, W. I. Knickrig,

Actionäre.

Theodor Eichberger: Vertrauliche Vorschläge an den Verwaltungsrath der Hess. Ludwigsbahn.
In: Mainzer Schwewwel, II. Jg, Nr. 16 vom 22. April 1877


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