Theodor Eichberger (1835-1917)


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Monolog des Holzthurms

bei der Abfahrt des letzten Eisenbahnzuges.1

Leb' wohl, o ausgezogene Ludwigsbahn!
Mir ziemt's, daß ich mich resignirt drein füge;
Ich stimme keine Scheidungsklage an.
Doch das darf ich gestehen ohne Lüge:
Es thut mir leid, daß du mir dies gethan;
Wär' ich nicht grau, ich könnte drob erblassen,
Daß du, o Ludwigsbahn, mich hast verlassen!

Lebt wohl, Ihr Fremden, die da täglich kamen,
Leb' wohl, o reiselust'ges Publikum!
Kaum hört ihr noch des alten Holzthurms Namen -
Ihr fahrt jetzt alle, alle hinten 'rum!
Ich Alter, dem den Lebensstrom sie nahmen,
Seh' schon, wie Alles einsam wird rundum.
Und ich muß bleiben, ruhig zu da schauen;
Mich will man neu nicht in die Neustadt bauen.

O fahret hin, entschwund'ne ird'sche Güter,
Der Holzthurm sagt euch heute Lebewohl!
Ihr Bauersweiber, stimmungsvoll und bieder,
Sammt euren Hackeln, eurem Kraut und Kohl;
Ihr Ochsen, Kälber - die nicht kommen wieder -
Ihr Schafe, Gänse, lebet alle wohl!
Auch euch, Milchkannen, wird man mir entrücken,
Ihr dürft nicht mehr den alten Perron schmücken.

Lebt wohl, Ihr Condukteure all, ihr Führer
Du ganzes schmuckes, wack'res Personal;
Ihr Heizer, Weichenwärter und Rangirer;
Ihr Kellner selbst im dustern Wartesaal!
Seht wohl, Ihr fürsorglichen Wagenschmierer,
Ihr schmiertet heut' allhier zum letzten Mal.
Ich hab' euch zugeseh'n seit langen Jahren
Und laß' euch deßhalb heute traurig fahren.

Lebt wohl, ihr Droschkenkutscher sammt den Gäulen,
Ich hab' auch euch zum letzten Mal geseh'n;
Ihr werdet nicht gemüthlich mehr hier weilen.
Um noble Reisende flugs zu erspäh'n;
Ach! morgen werdet Ihr euch schon beeilen
Und blankgeputzt am neuen Bahnhof steh'n!
Fahrt wohl! Es ist im hohen Rath beschlossen!
Fahrt immer gut dabei nebst euren Rossen.

Lebt Alle wohl! Es soll mich ja erfreuen,
Wenn Ihr die alten Stätten nicht vermißt;
Wenn in den Wirthschaften da draus, den neuen,
Der Trunk so gut, wie hier zu finden ist!
Und sollt' der Wechsel euch einmal gereuen,
Ihr ja die alten noch zu finden wißt;
Dann kommt nur her, den altgewohnten Schoppen
In meiner Nachbarschaft vergnügt zu roppen!

1  Der alte Mainzer Hauptbahnhof befand sich in der Rheinstraße neben dem Holzturm und wurde 1884 nach der Verlegung der Eisenbahn geschlossen.

Theodor Eichberger: Monolog des Holzthurms bei der Abfahrt des letzten Eisenbahnzuges.
In: Die Philisterpeitsche Nr. 39/1884. Humoristische Wochenschrift. Mainz.


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