Theodor Eichberger (1835-1917)


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Glossen über die Mainzer Stadterweiterung

Mainz ist im Nordosten vom Rhein begrenzt; der historische Teil der Stadt - die heutige "Altstadt" - erstreckt sich von der Kaiserstraße im Nordwesten über den Kästrich im Westen bis zur Zitadelle und dem Winterhafen im Süden. Über Jahrhunderte hindurch war die Stadt eine strategisch wichtige Festung, eingeengt durch Mauern und Bastionen, was durch das Bevölkerungswachstum im Verlauf des 19. Jh zu Seuchen und akutem Platzmangel führte. In den 1860er Jahren begann man in Mainz daher das Projekt der Stadterweiterung, zunächst durch die Aufschüttung des Rheinufers entlang der Rheinstraße.

Das Hauptanliegen der Mainzer Stadterweiterung aber bestand in der Einbeziehung des benachbarten Gartenfeldes in das Stadtgebiet bzw. auch in die Festungsanlagen. Die Festungswälle im Nordwesten von Mainz, die an der heutigen Kaiserstraße verliefen, mussten entfernt und die vorgeschobenen Grenzen der Stadt neu befestigt werden; hierfür hatte die Stadt Mainz vier Millionen Gulden an das Militärgouvernement der Festung zu zahlen. An der Stelle des ehemaligen Gartenfeldes befindet sich heute zwischen Bismarckplatz, Rheinallee und Kaiserstraße die Neustadt.

Eine detaillierte Charakterisierung des Gartenfeldes, wie man es im 19. Jahrhundert bis zur Mitte der 1870er Jahre kannte, ist uns durch Clemens Kissel (1848-1911) überliefert:

Das alte Gartenfeld war eigentlich eine Kolonie Mainzer Bürger, die vor den Toren, bezw. dem Münster-, und Raimunditor wohnten. Meist waren es Geschäftsleute, die zur Ausübung ihrer Tätigkeit in der Stadt nicht den nötigen Platz fanden, z.B. Zimmerleute, Gärtner und Ökonomen, auch Fuhrunternehmer, Bleichgärtner und Fabrikanten von Lack, Leder, Pech, Asphaltpappen, Chaisen usw. Den Namen erhielt das Gartenfeld selbstredend von den vielen Gärten, die dort lagen. Der Anfang jener Kolonie, die heute nur noch dem Namen nach existiert, war der Schlangenweg, - "wo mer fand manch stille Freude un do brenne heit die Gaslatern' un aus de Fenster gucke Leite" *). - auf diesem Wege, der sich um das Glacis schlängelte, waren viele Wirtschaftsgärten, von denen der Kuchengarten und Nenselsgarten die bekanntesten waren. Ferner waren dort noch zwei bedeutende Gärten, der Bognersche und der Dietrichsche, gleich vor dem Münstertor. Gegenüber davon waren der Betzsche Blumengarten, sowie die Gemüsekonservenfabrik von Binder und Zitz. Weiter hinaus kam man an der elektrischen Uhr vorüber in den Pankratiusweg, an dem Heylschen Bleichgarten vorbei, und am Ende des Weges stand das sagenumwobene Pankratiusbrünnchen, der Entstehungsort der Mainzer. Links war der große Mardnersche Blumengarten. Vergessen dürfen wir nicht den städtischen Wasenmeister Kessel, an dessen Haus die ominöse Inschrift "Weinwirtschaft zum Blumenthal und Aktien-Bier" prangte. Dort wurden die Hunde totgeschlagen - und dabei eine Restauration. ? Nun, es war eine sogenannte österreichische Huddattera. Jeden Sonntag war dort Tanzmusik, ollweil fidöll, fidöll! Rechts von der Uhr kam man in den Hauptweg. Er lief so ziemlich parallel mit der heutigen Frauenlobstraße, machte dann einen Winkel, dessen Schenkel parallel mit der heutigen Bonifatiusstraße lief, und führte dann wieder rechts durch die heutige Kurfürstenstraße auf die Rheinallee zu. An dessen Ende lag der ehemalige Vöglersche, heute Gersters Zimmerplatz. Zwei wunderbare Wege hatten wir noch, die wir bereits früher beschrieben haben: den langen und den kurzen Hunikel. In deren Nähe befanden sich die großen Lederfabriken von Mayer, Michel und Deninger, die der Mainzer Witz in die Namen Fleck-, Sohl- und Oberledder umwandelte. In der Nähe waren die großen Wiesen, die alle Jahre überschwemmt waren, da sie tief lagen. Da waren noch der Wiesenweg, die Zwetschenallee, der Raupelsweg, der Kellerweg, der Wendelinusweg, der botanische Garten und der Blaue Stein. Ferner lag dort der Emausweg.

Ein schöner Weg für Spaziergänger, der indessen, wie so vieles, heute in anderer Verfassung ist, war die Studentenallee. An deren Anfange, Ecke Rheinallee, war ein kleines Blockhaus, in dem die Österreicher eine Mineurwache hatten. Dort hausten auch die Wallpatrouillen. Diese hatten weiter keine Waffen bei sich als eine kleine Weidengerte, mit der sie den Buben, die Weiden holten, um sich Pfeifchen oder Fazen zu machen, eins überzogen. Längs dem Wege war nämlich rechts hinter den Schanzen ein Bach, an dem viele Weiden wuchsen. Gleich daneben war die Inundationsschanze. Sie hatte ein Wehr, mit dessen Hilfe in Kriegszeiten das ganze Wiesengelände unter Wasser gesetzt werden konnte.

Kehren wir wieder zum Münstertor zurück. Vor diesem, am Platze, der heute das Bahnhofsgebiet bildet, war ein wunderbarer, von mächtigen Ulmen überschatteter Hain, dessen Kronen sich wölbten, gleich einem großen Dom. Links davon war die kleine Brunnenstube des neuen Brunnens, ein lieblicher Platz für Kinder. Wie gern hörte man da als Kind dem Gurgeln und Rauschen des Wassers zu! Gleich dabei war das Doffleinsche Gebiet mit dem Sommertheater. Nicht weit davon lag der Heiningersche Zimmerplatz - heute alles verschwunden! Nur ragt ein Stück der alten Brunnenstube aus der Mauer in dem Bahnhofe nach der Linsenbergseite zu heraus. O, das alte Linsenberg-Gebiet war etwas herrliches, dem wir heute nichts ähnliches mehr an die Seite zu stellen haben. Es war wild-romantisch und lieblich. Wie herrlich kühl war es da, wenn die sengende Gluthitze im Sommer einen vors Tor trieb! Den älteren Mainzern ist die Erinnerung an das Gebiet ja noch allen im Gedächtnis, während die Jüngeren sich kaum ein Bild davon machen können. Ja die Welt ist rund und wir drehen uns wieder wo anders hin. Die Eisenbahn hat allem ein Ende bereitet.

Die heutige Kaiserstraße war der ganzen Länge nach das Gebiet des sogenannten Verschönerungsweges, der sich in Schlangenwindungen durch das Glacis der Contre-Escarpe vor den früheren Bastionen Paul, Leopold, Felicitas, Damian und Raimundi wand.

*) frei nach Eichberger. [im Carnevalsvortrag Unser närrischer Fortschritt von 1884]



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