Theodor Eichberger (1835-1917)


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Schreiben des Frl. Leonore Dusterklang an die Herausgeber des "Schwewwel."

Mainz, 29./12. 77

Meine Herren!

Also Sie wollen wirklich den "Schwewwel" nicht mehr wöchentlich herausgeben, wo man doch so kaum weiß, wohin mit all dem passirten Schwewwel und es hat mir manchesmal ein classisches Vergnügen bereitet, denn man sieht sich auch gern gedruckt und andere Leute lesen das, was immerhin und man hat zwar sonst gar nichts davon in Bezug auf die Honorarigkeit, wo einem doch die Complimente wegen Geistreichig-, witzig- und Schneidigkeit recht gut thun, weil man sie mit züchtigen, verschämten Wangen einheimst, ohne das Eingeständniß des Gewesenseins, und nun mit einem Male ein ungeschriebenes Dasein, zwar ohne Druck aber auch ohne Lob und Tadel, nein, meine Herren, das ist - aber ich will nicht klagen!

Was für die zukünftige Zukunft das unregelmäßige Erscheinen des Schwewwels in Kreppelzeitungsformat betrifft und es soll nur zu gewissen Fastnachtsfeiertagen oder dgl. ein Blatt herausgegeben werden, so wird meine seitherige Mitarbeiterschaft, und ich habe es gern gethan , denn doch eine sehr große Fraglichkeit sein, denn was heißt dann und wann, wo ich ganz besonders die Beständigkeit liebe und ich bin überhaupt keine Freundin von Unregelmäßigkeiten?

Vorab und Sie erlauben mir als Mitarbeiterin in Bezug auf Ihre Entschlüssigkeit des Schwewwels zwei ernstliche Fragen an Sie zu richten. Erstens: warum hören Sie auf? Und zweitens: warum fahren Sie nicht fort? Sie haben gar keine Ursache mir auszuweichen, wo sich Ihr Blatt in der ganzen Stadt, wobei ich die anderen Städte ganz ungenannt lassen will und es erfreut sich eines Gelesenseins, wovon sich wahrscheinlich Ihre Abonnentenlisten nichts träumen lassen, wenn auch vielleicht meine Urtheilslosigkeit nach Ihrem neuesten Vorzurückgehen schon schließen kann - aber ich will nicht klagen! Ein Beispiel von einem Exempel will ich nur anführen, was sich nämlich so verhält: In dem Hause meiner Bewohnung z. B. und es ist ein großes, nobles Haus von 11 gut- und sogar gutersituirten Familienhäuptlingen, abgesehen von der Bestallung des Hausherrn, alles Haute vollée, wo natürlich vier derselben ein einziges Schwewwelabonnement zusammenhalten und es trägt Ihnen das zwar nur 80 Pf. pro Quartal netto ein, aber die immense Verbreitung Ihrer Witzigkeit müssen Sie folgendermaßen berechnen. Nicht nur, daß diese 4 Familien keine Opfer gescheut haben, und es geschah doch nur des Schwewwels wegen, wo man ja ein solches Blatt unterstützen soll, weßhalb sie auch jedesmal mit berechtigter Spannigkeit den Träger anfahren, von wegen dem Nichtfrühgenugkommenkönnen, damit die 2., 3. und 4. nicht so lang auf das Auslesen der 1. zu warten braucht und es sind lauter starke Familien mit Söhnen, Töchtern und andern Kindern., wahrend die übrigen nicht-abonnirten Mitbewohner doch auch neugierig sind und sie borgen sich's Einer nach dem Andern. Auf eine solche Gelesenheit können Sie schon stolz sein, meine Herren, aber das ist noch nicht Alles, wo sich doch noch ein Sohn auswärts befindet und man schickt's ihm regelmäßig nach der Auslese mit anderen Blättern, was ihm und seinen Bekannten Spaß macht und Sie haben die Ehre davon und 80 Pf. netto, was zwar nicht viel - aber ich will nicht klagen!

Um aber wieder auf Ihre unregelmäßigen Absichten zu kommen und ob ich dabei mitarbeite, so müssen Sie wenigstens an den höchsten Feiertagen je einen Fastnachts-, Oster-, Pfingst- und Weihnachts-Schwewwel herausgeben, was doch wenigstens einigermaßen in der Regel wäre. In diesem Falle, meine Herren, könnte ich mich vielleicht entschließen und ich bin nicht nur dankbar, sondern auch dankbarer, was meine Mitarbeiterschaft anbelangt, wo ich mir erst am hl. Abend ein Gros Stahlfedern bescheert, weil ich überhaupt noch gegen mehrere hochstehende Persönlichkeiten und man hat manchmal etwas auf dem Herzen, was man den Herren nicht unerröthet ins Gesicht sagen, während man das auf dem briefpostverkehrlichen Wege im öffentlichen Druck viel bequemer, weil selbst das unschuldsweiseste Papier und es läßt sich geduldig aufschwärzen! Aber trotzdem und alledem, wo ich mit ehrlichen Waffen fechte, denn ich bin zwar intim aber nicht anonym.

Ich kann nicht anders schließen, ohne Ihnen, meine Herren, den Trost meiner allerwärmsten Theilnahme zu theil werden zu lassen und verbleibe bis auf Weiteres

Ihre naturgetreue Mitarbeiterin

Leonore Dusterklang, Modes.

Theodor Eichberger: Schreiben des Frl. Leonore Dusterklang an die Herausgeber des "Schwewwel".
In: Mainzer Schwewwel. Lyrisch-satyrisch-humoristisch-undsoweiterisches Tageblatt. II.Jg., Nr. 52 vom 30. Oktober 1877, S.4


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