Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Cigarrenabschnitt- und Pfennig-Sammelverein

Der Verein mit dem merkwürdigen Namen befasste sich mit dem Sammeln von Zigarrenabschnitten, aus denen er dann Zigarren herstellen ließ. Die so gewonnenen Zigarren wurden versteigert und der Gewinn aus den Auktionen wohltätigen Zwecken gespendet.

Gegründet wurde dieser Verein am 10. September 1884:

Seligenstadt, 11. September. Gestern Abend fand im "Thurm" die angezeigte Versteigerung der aus Cigarrenabschnitten angefertigten Cigarren statt und lieferte ein so schönes Resultat, daß gewiß jeder Raucher fortan diese unscheinbaren Abschnitte wird gerne sammeln helfen, um sie zum Besten seiner ärmeren Mitmenschen zu verwerthen. Nachdem sich besonders Herr Sparkassenrechner Burkhard um das Einsammeln verdient gemacht und 6 Kistchen Abschnitte zusammengebracht, und die Herren Cigarrenfabrikanten Wolff & de Bary in Klein-Krotzenburg in Anbetracht des edlen Zweckes aus besonderer Gefälligkeit 800 vorzügliche Cigarren daraus hatten anfertigen lassen, ergab sich bei der Versteigerung derselben ein Reingewinn von 21 M 16 Pfennigzeichen! Dieser glänzende Erfolg bestimmte die Anwesenden, sofort einen "Cigarrenabschnitt- und Pfennig-Sammelverein zum Besten hiesiger armer Kinder ohne Unterschied der Confession" zu gründen, dem zugleich obige Summe zu diesem Zwecke überwiesen wurde. Grundprincip des Vereins ist: Keinerlei Vereinskosten, sondern jeder eingehende Pfennig für die Armen! Um dies möglich zu machen, haben sich die betreffenden Geschäftsleute bereit erklärt, die unumgänglich nöthigen Arbeiten unentgeltlich zu liefern. Die Mitgliedschaft wird durch einen jährlichen Beitrag von 25 Pfennigzeichen erworben und hoffen wir zuversichtlich, daß sich die Gesammtbürgerschaft an diesem humanen, uneigennützigen Unternehmen betheiligt. Auch Damen können Mitglieder des Vereins werden und es ist sicherlich zu erwarten, daß das schöne Geschlecht die Herren an Wohlthätigkeitssinn womöglich noch übertreffen und dem Verein recht zahlreich beitreten wird.

Mit der Leitung des Vereins wurden die Herren Max Hendricks, Theodor Eichberger und Georg Schaub betraut. Nach definitver Regelung werden die Mittel und Wege, um aus Kleinem Großes zu erzielen, wozu besonders die Gewinnung von Mitgliedern, Aufstellung von Sammelkästen, projectirte "Rauch-Abende" etc. gehören, in unserem Blatte bekannt gemacht.

(Seligenstädter Anzeiger Nr. 73 vom 13. September 1884)

Bereits nach einem Jahr hatte dieser Verein sehenswerte Erfolge erzielt:

Im Gasthaus "Zum Thurm" dahier fand gestern Abend die Generalversammlung des "Cigarrenabschnitt- und Pfennig-Sammelvereins" statt. Leider war dieselbe nur schwach besucht, was wegen der interessanten Verhandlungen doppelt beklagenswerth war. Wir geben nachstehend in gedrängter Kürze eine Darstellung der Berathungen. Herr Direktor Hendricks eröffnete als Vereinspräsident mit mit einer kurzen Ansprache die Verhandlungen und ertheilte dem Vereinsrechner, Herrn Kaminfegermeister Schaub, das Wort zur Verlesung der Rechnung pro 1884/85. Aus der von den Herren Revisoren, Sparkassenrechner Burkhard und Kaufmann Moses Grünbaum, geprüften und in ihren Theilen richtig befundenen Jahresabrechnung heben wir das Nachstehende hervor: Die Gesammt-Einnahme beträgt M. 591,28. Die besteht aus den Beiträgen der 108 aktiven Mitglieder mit M. 27,80, jenen der 174 passiven Mitglieder mit M. 61,51, dem Ertrag der Sammelkästchen mit M. 111,12, dem Erlös von Rauchabenden mit M. 12,41, dem Erlös aus Theatervorstellungen anderr Vereine mit M. 137,71, den Strafgeldern mit M. 2,22, dem Erlös aus verkauften Cigarren etc. mit M. 112,74, den sonstigen Einnahmen mit M. 5 und den zurückempfangenen Capitalien mit M. 92,83. Dagegen belaufen sich die Ausgaben auf M. 586,56. Diese bestehen in den Einlagen zur Sparkasse mit M. 331, den Kosten für die Anfertigung von Cigarren mit M. 51,25 und in verschiedenen Ausgaben mit M. 204,31. Es verbleibt somit ein Baarvorrath von M. 4,72. Nchdem dem Herrn Kassier mit Stimmeneinhelligkeit Decharge ertheilt war, trug Herr Vereinssekretär Eichberger seinen umfassenden Bericht über das abgelaufene Vereinsjahr vor und erntete allgemeinen Beifall. Da der hochinteressante, in zierliche Form gekleidete und zuweilen mit seinem Humor durchwobene Vortrag auf übereinstimmenden Wunsch in Kürze im "Seligenstädter Anzeiger" veröffentlicht wird, können wir uns hier einer detaillirteren Besprechung der Abhandlung enthalten - Die durch das Loos ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder, Herr Schriftführer Eichberger und Herr Vereinsökonom Karl Ruppel, wurden hierauf per Akklamation einstimmig wiedergewählt. Der Vorstand wurde sodann mit Stimmenmajorität ermächtigt, die nöthigen kleinere[n] Ausgaben für Reparatur der Sammelkistchen etc. aus der Vereinskasse zu bestreiten. Zum Schlusse schritt man zur Versteigerung von 1200 Cigarren, einem Fabrikate aus den gesammelten Cigarrenabschnitten. Es wurden M. 60,75 dafür erlöst, von welchem Betrage die Fabrikationskosten mit M. 25,20 abgehen, so daß ein Reingewinn von M. 35,55 verbleibt. Wir schließen mit dem Wunsche des Jahresberichts, daß das edle Wohlthätigkeitswerk auch fürder gedeihen möge zum Wohle der Armen und zur Ehre unserer Vaterstadt.

(Seligenstädter Anzeiger Nr. 76 vom 30. September 1885)



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