Theodor Eichberger (1835-1917)


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Unsere Lyrik
in realistischer Bearbeitung.

Rühret nicht daran.

(Nach Emanuel Geibel.)

Wo stille ein Verhältnis blüht,
O rühret, rühret nicht daran!
Wofern der junge Mann reell
Hält um die Hand des Mädchens an.

Wenn etwas auf dem Erdenrund
Will delikat behandelt sein,
So ist's ein Jüngling heutzutag,
Der ernstlich will ein Mädchen frei'n.

O gönnt den Zutritt ihm ins Haus,
Damit er euch nicht mehr entgeht!
Ihr wißt ja, wie ihm angelweit
Manch' andre Thüre offen steht. -

Es brach schon manch' Verhältnis, weil,
Zuviel geredet hin und her,
Und mancher Freier wandte sich,
Und ging auf Nimmerwiederkehr.

Und manches Mädchen, hoffnungsvoll
In Lieb' und Heiratslust entflammt,,
Blieb sitzen - ach du lieber Gott;
Zur alten Jungfer wars verdammt.

Da sprecht ihr wohl und klagt euch an;
Daß ihr gemäkelt allzu laut;
Doch keine Reu' bringt den zurück,
Der einer andern angetraut.

 
Emanuel Geibel (1815-1884):

Rühret nicht daran

 

Wo still ein Herz voll Liebe glüht,
O rühret, rühret nicht daran!
Den Gottesfunken löscht nicht aus!
Fürwahr, es ist nicht wohlgethan.

Wenn's irgend auf dem Erdenrund
Ein unentweihtes Plätzchen giebt,
So ist's ein junges Menschenherz,
Das fromm zum erstenmale liebt.

O gönnet ihm den Frühlingstraum,
In dem's voll ros'ger Blüten steht!
Ihr wißt nicht, welch ein Paradies
Mit diesem Traum verloren geht.

Es brach schon manch ein starkes Herz,
Da man sein Lieben ihm entriß,
Und manches duldend wandte sich,
Und ward voll Haß und Finsterniß;

Und manches, das sich blutend schloß,
Schrie laut nach Luft in seiner Noth,
Und warf sich in den Staub der Welt;
Der schöne Gott in ihm war tot.

Dann weint ihr wohl und klagt euch an;
Doch keine Thräne heißer Reu
Macht eine welke Rose blühn,
Erweckt ein todtes Herz auf's neu.

Theodor Eichberger: Rühret nicht daran. (Nach Emanuel Geibel)
In: Beilage der Mainzer Zeitung Nr. 110 vom 13. Mai 1883


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