Theodor Eichberger (1835-1917)


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Die Maske

Novelle von T. E.


Der Carneval mit seinen tollen Freuden, tausendfältigen Vergnügungen und glücklichen Narrheit nahte, als letzte, einladendste Belustigung der langen, unfreundlichen Winterabende. Jedermann harrte mit Sehnsucht und Neugierde auf die Dinge die der Prinz Carneval dieses Jahr bescheeren werde, und ging mit Kopf und Beutel zu Rath, welche verschiedene Belustigungen er für die drei Narrentage wählen solle. Die Unbemittelteren hatten schon seit den Weihnachtsfeiertagen ihre Sonntagsausgaben erspart, um bei dem, Alles in wilden Strudel fortteißenden Fasching, nicht zurückzustehen; die Reichen hofften in den manigfachsten Intriguen und Liebesabenteuern unter dem Deckmantel der Maske, einen Unterschied und neuen Reiz, statt der alltäglichen Genüsse zu finden. Kurz, jeder rüstete sich ein würdiger Jünger der Narrheit zu werden. -

Auch Eduard Guntram, der junge Ehemann, versprach sich nicht wenig Vergnügen und zählte die langweiligen Stunden bis die ersehnte Zeit erschien.

Guntram war etwas über ein Jahr verheirathet; in den Flitterwochen dünkte er sich der glücklichste Mann der Welt und war nirgends lieber als bei seinem holden Weibchen. Und seine zwanzigjährige Gattin Adele konnte auch mit Recht Anspruch auf seine volle Huldigung machen, denn sie war die Liebenswürdigkeit selbst, und dabei so schön als nur ein Weib sein kann. Ein schlanker, untadelhafter Wuchs, und Füßchen so klein wie die einer chinesischen Prinzessin, nur mit dem Unterschied, daß sie auch die schönste Form hatten; schwarze, schwärmerische Augen, in denen man einen ganzen Himmel voll Liebe zu sehen glaubte; ein kleines, kirschrothes, ganz zum küssen geschaffenes Mündchen, das zwei Reihen schneeweißer Perlenzähne verbarg; kurz, was zu dem Ideal einer Schönheit gehört, besaß Adele.

Aber das schönste und kostbarste an dieser Halbgötttin war: daß sie ihren Gatten mit aller Gluth und Treue, deren ein ächt weibliches Herz fähig ist, liebte, obschon es dieser in der Zeit unseres Anfangs am wenigsten verdiente.

Wie gesagt hatte er in der ersten Zeit Adele heiß und leidenschaftlich, aber nie innig geliebt. Denn gar bald wurden ihm ihre schönen Augen durch das immerwährende hineinschauen langweilig, und die anfangs so süßen Küsse verloren, als alltägliche Speise genossen, ihren Reiz. Guntram glich einem Schmetterlinge, der nie lange bei einer Blume weilen kann, sondern, nachdem er den Honig gekostet, von einer zur andern flattert. Da er nun ein hübscher und auch bemittelter Mann war, so wurde er überall, besonders bei dem schönen Geschlecht, mit offnen Armen empfangen; daß er natürlich diese Gelegenheiten eher aufsuchte als floh, läßt sich denken.

Adele empfand schmerzlich die zunehmende Kälte ihres Mannes; aber trotzdem liebte sie ihn noch eben so innig wie im Anfang und glaubte durch ihre treue Liebe das Herz des Gatten wieder gewinnen zu können. - In der letzten Zeit fand sie einigen Ersatz in der Pflege und Liebkosung ihres drei Monate alten Knäbchens.

Endlich nach ungeduldigem Hoffen und Harren aller großen und kleinen Narren war Prinz Carneval eingezogen. - Guntram hatte bereits die Sonntags-Nacht, jedoch ohne Befriedigung seiner Wünsche durchwärmt und den Montag bis zum Abend mit Schlafen und Katzenjammer zugebracht. Doch jetzt war sein Kopf wieder hell und der Geist lüstern nach neuen Ergötzungen. Des Scheins halber fragte er Adelen: ob sie nicht mit auf den Ball gehen wolle? Aber diese, welche wohl sah, daß die Einladung erzwungen war, antwortete: das Kind sei seit einigen Tagen etwas unruhig und sie wolle deßhalb lieber zu Haus bleiben, da sie sich überhaupt aus derartigen Vergnügen Nichts mache. Guntram begab sich hierauf, froh über diese Antwort, auf den Theaterball, aber ohne Maske weil er es nicht für nöthig hielt, sich zu verkleiden.

Auf diesem stark besuchten Ball war heute das tollste Gedränge und keine Spur von steifer Etiquette, die denn überhaupt in diesen närrischen Tagen selten zu finden ist.

Unser Held trieb sich eine Zeitlang umher, die bunte Menge musternd. A1s er eben den ergötzlichen Witzen einiger Harlekins zuhörte, bemerkte er nicht weit von sich eine einzelne Maske, die plötzlich seine ganze Aufmerksamkeit fesselte. Es war eine reizende Dame, sie trug eine altdeutsche, gepuderte, mit großen Roden verzierte Frisur; der kurze, schwarze Domino, oder besser, Mantel, verhüllte nur schlecht die grazienähnliche, mit einem eng anschließenden schwarzen Seidenkleid bekleidete Gestalt, und der blendend weiße, volle Busen so weit er sichtbar war, sowie der schöne gerundete Hals zeugten für die Jugend der Besitzerin. Eine Domino-Sammtlarve verbarg das Gesicht und ließ nur die strahlenden Augen durchblitzen.

Guntrams ganze Reizbarkeit war erregt; er fixirte die Dame so scharf, als wolle er mit dem Blick durch die Larve dringen. A1s die Maske seinen feurigen Blick bemerkte, nickte sie ihm zu und verschwand darauf im Gedränge. Aber so bald sie verschwunden war, wurde erst Guntrams Einbildungskraft recht lebendig und er fühlte sich unwillkührlich hingerissen der interessanten Unbekannten zu folgen. Seine Ellbogen als Abweiser kräftig gebrauchend, zertheilte er rasch die Menge und war nach, langem Mühen endlich so glücklich die Gepuderte wieder zu finden.

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Theodor Eichberger: Die Maske. Novelle
In: Mainzer Anzeiger Nr. 33 vom 9. Februar 1855, S. 130-131


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