Theodor Eichberger (1835-1917)


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Die Maske

Novelle von T. E.

(Schluß)

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Guntram, der eben einige Masken fixirt hatte, wollte mit seiner Dame balance tanzen, aber sie war - verschwunden! Gleich schaute er nach allen Ecken und erblickte endlich nahe am Ausgang den weißen Puderkopf mit rothen Rosen sich durch das Gedränge drücken. Niemand war rascher, als er, nachzufolgen. Aber das ging leider durch die dichte Menschenmasse nicht so schnell; es dauerte lange Zeit, bis er den Ausgang erreichen konnte. Er eile in's Freie; da stand er auf dem freien Platz, wo Straßen nach den vier Weltgegenden gingen, rathloser als ein Esel am Berg. Mißmuthig kehrte er wieder um, durchsuchte das ganze Theater, fand aber nirgends eine Spur der Maske.

In der übelsten Laune darüber, daß er gefoppt war, brachte er die übrige Zeit bis zu Ende des Balls mit Zechen zu, und ging dann mit schwerem Kopf und düsterem Sinn nach Hause. Adelen fand er so fest schlafend, daß sie nicht durch das Geräusch seines Eintritts erwachte.

Es war andern Tags schon ziemlich spät, als Adele in dem Wohnzimmer auf dem Sopha saß, den Kaffee zu erwarten. Guntram ging verdrießlich, mit großen Schritten im Zimmer auf und ab.

- Du machst ja heute ein bitterliches Gesicht Eduard? hub Adele an.

- Oh ich möchte die ganze Welt zertrümmern, antwortete Guntram zornig.

- Nun, mich doch nicht auch dabei?

- Das Weibervolk am ersten!

- Die armen Geschöpfe müssen aber hart mit Dir umgegangen sein!

- Nicht sonderlich, antwortete Guntram ausweichend.

- Was haben sie Dir denn angethan?

- Ach, Du folterst mich aber, wie ein Inquisitor.

- Da hab ich wohl das Recht dazu, denn es macht mich sehr besorgt um Deine Treue.

- Ha, man sucht Niemand hinter dem Ofen, ohne selbst dahinter gewesen zu sein!

- Wenn das wahr wäre, müßt ich auch dort gewesen sein.

- Wo?

- Ei nun, wo Du warst - auf dem Theaterball.

- Wie, Du wärest ausgewesen? fragte Guntram hastig.

- Ha, lieber Eduard! Du folterst mich, wie ein Inquisitor, antwortete Adele bitter scherzend. Nach einer Pause fing sie wieder an:

- Ich sehe ja den Trauring nicht an Deiner Hand? den Du doch immer zu tragen pflegtest!

- Den hab' ich heute Nacht verloren, sagte er barsch.

- Verloren? Wirklich? Ei, ei!

- Nun was denn sonst?

- Hm, ich meine es gäbe noch andere Arten, Ringe los zu werden, zum Beispiel: einer Maske Präsente damit zu machen.

- Wie meinst Du das?

- Nun, daß Du den Ring einem gewissen Domino geschenkt hättest!

- Adele, ich glaube du läufst mir nach!

- Nein, ich glaube Du bist mir heute Nacht nachgelaufen und hast mir Deinen Ring als Liebespfand gegeben!

- Ich? Dir? fragte Guntram, starr die beiden Ringe an Adelens Finger betrachtend, nämlich ihren Trauring dabei.

- Ja, Eduard! Du siehst in mir die entlarvte Maske, der Du auf dem Ball Deine Liebe geschenkt hast. Doch überzeuge Dich besser und öffne dort den Schrank, wo Du meine Maske finden wirst, sagte Adele, während ein wehmüthiger Zug ihr Gesicht verdüsterte.

Guntram, als könne er das Alles nicht fassen, öffnete den Schrank. Da hing das Seidenkleid, darüber der schwarze Domino und oben als Gesicht auch die Sammtlarve, und er meinte die ganze reizende Gestalt wieder zu sehen. Lange starrte er die Kleider an und stieß die Worte: "Ich Elender! Abscheulicher!" hervor. Dann eilte er zu Adelen, ergriff krampfhaft ihre Hand und sagte:

- Adele, Gattin! kannst Du mir verzeihen?

Sie schwieg, von dem Kampf ihrer Gefühle übermannt.

- Theures, geliebtes Weib, o verzeihe! ich war vorher blind gewesen für Deine Reize, aber ich will wieder ganz Dir und Dir allein angehören! sagte er bittend und kniete nieder.

Adele rief bewegt: "Die Liebe zu Dir zwingt mich zum Verzeihen."

Guntram schloß sie feurig in die Arme.

Er hielt in seinem Versprechen Wort. Der Domino blieb in dem Schrank, wo Guntram jeden Tag seine Kleider herausnehmen mußte, fortan hängen, und so oft er ihn sah, gedachte er beschämt der schönen Maske und liebte seine Gattin treu und beständig.

Theodor Eichberger: Die Maske. Novelle. (Schluß)
In: Mainzer Anzeiger Nr. 35 vom 11. Februar 1855, S. 138-139


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