Theodor Eichberger (1835-1917)


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Prosit Neujahr! [1879]

So naht doch endlich deine Abschiedsstunde
Und du vergehst mit der Sylvesternacht,
Du hartes Jahr, das manche böse Kunde
Von schwerem Leid, von Noth und Schmerz gebracht.
Bei deinem Nah'n hört' man als Trost, als frommen:
Ach, schlimmer als es ist wird's doch nicht kommen!
Doch dieser Trost, o Jahr, so klein, so arm,
Er ward zu Schanden - daß sich Gott erbarm!

Denn mit dem Nothstand wurde schwer gerungen,
Der schon zu lang am Mark des Volkes zehrt!
Und theure Schätze hat das Meer verschlungen,
Wie es in solcher Weise kaum erhört!
Auch wahrer Friede ist's noch nicht geworden,
Trotzdem's gestrotzt von solchen Friedensworten!
Nur Sorge und Beklemmung um und um -
Du armes Jahr, das ist dein ganzer Ruhm.

Ach, große Thaten waren kaum zu schauen,
Doch crasser Wahnwitz tauchte blutig auf,
Und Attentate, weckend Abscheu - Grauen,
Sie nahmen durch Europa ihren Lauf.1
O folgenschwere That von Mörderhänden! -
Ach, eile, eile deine Bahn zu enden,
Denn Unheil schuf, was deine Zeit gebar,
Du schrecklich-attentatenreiches Jahr.

Und nicht genug, daß du gebracht die Leiden,
Du nahmst auch Theures fort mit rauher Hand,
Selbst eine edle Fürstin mußte scheiden!
Und trauernd klagt um sie das Vaterland.
So hochgeliebt, der Kinderschaar entrissen,
Der armen hört, die sie jetzt schwer vermissen -
O Trauerjahr, wird's dir nicht selber bang?
Entflieh'! entfliehe ohne Sang und Klang.

Doch ob wir schließlich auch die Hände ringen,
Daß allzuschwer des Schicksals Sturm getost,
Du eilest stetig fort auf flücht'gen Schwingen -
Ja du vergehst - und das ist noch ein Trost!.
Ein Trost, den uns dein eilig Scheiden sändet:
Wir sehen, daß die harte Zeit auch schwindet!
D'rum, altes Jahr, was du uns auch gethan -
Fahr' wohl, fahr' wohl! du warst nicht Schuld daran!

Vorbei! Vorbei! ein neues Jahr entsteiget
Der Zukunft ewig hoffnungsreichem Schooß.
O hoffen wir, daß es sich güt'ger zeiget
Und glücklicher gestaltet unser Loos..
Das neue Jahr, es kommt - die Stunden rinnen -
O mög' auch eine neue Zeit beginnen!
Da ist's! Wir bringen uns're Wünsche dar:
Willkommen! Gute Bess'rung! Pros't Neujahr!

1  Im Jahre 1878 waren am 11. Mai und am 2. Juni in Berlin zwei Attenate auf Kaiser Wilhelm I. verübt worden. Auch fanden 1878 mehrere Anschläge auf Politiker in Polen sowie ein Attentat auf den italienischen König Umberto I statt.

Theodor Eichberger: Prosit Neujahr!
In: Mainzer Anzeiger Nr. 1 vom 1. Januar 1879


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