Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Kuß

Sie fragte mich in einer schönen Stunde,
Indes ein Lächeln schwebt' auf ihrem schönen Munde,
Ob meine Lippen wohl imstande wären,
Das Wesen eines Kusses zu erklären?

Ich war, bisher gesprächig, still geworden,
Und sann vergebens nach den rechten Worten,
Um ihr recht fein und zart in allen Stücken
Die Eigenschaft des Kusses auszudrücken.

Sie sah mich an so hold und neckisch fragend,
Daß ich, an meiner Wissenschaft verzagend,
Schon bittend ihre kleine Hand wollt' fassen,
Daß sie die Antwort möge mir erlassen.

Sie aber ließ sich nicht dazu bewegen,
Denn einen Groll schien ihre Stirn zu hegen,
Als wollte sie mir drohend schon verkünden:
Du kannst nicht einmal diese Antwort finden!

Wie kaum ich wußte, was ich sollt' beginnen,
Da ward es plötzlich hell in meinen Sinnen;
Damit sie ihn erforschen könne eben,
Hab ich ihr selber einen Kuß gegeben.

Theodor Eichberger: Der Kuß.
In: Beilage der Mainzer Zeitung Nr. 67 vom 19. März 1882


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