Theodor Eichberger (1835-1917)


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Die Thräne.

O Thräne traut! von Gott gelegt
In unsrer Augen Schacht,
Du bist dem Herzen, tiefbewegt,
Was Luna's Schein der Nacht:
Sei es mit Leid - mit Freud' erfüllt,
Als lautrer Himmelsbalsam quillt
Die Thräne!

Wenn schneidend scharfer, wilder Schmerz -
Schmerz, den kein Name nennt -
Das blutend kranke Menschenherz
So schrecklich quält und brennt:
Dann kommt, wie Gold und Himmelblau,
Wie lindernd süßer Himmelsthau
Die Thräne!

Wenn in unendlich süßer Lust
Zwei Liebende beglückt
In sel'ger Wonne Brust an Brust
Sich lieben, hochentzückt:
So hat für dies Gefühl der Mund
Nicht Worte, reicher gibt es kund
Die Thräne!

Wenn Hoffnung auf die ferne Zeit
Den Busen sanft belebt;
Wenn Gram um schwervergang'nes Leid -
Erinnrung uns umschwebt:
Dann spiegelt hell der Sehnsucht Bild,
Dann fließet für Vergang'nes mild
Die Thräne!

Ein lächelnd Frauenangesicht
Mit Thränen - o wie schön!
Wie Sonnenstrahl durch Wolken bricht,
So zaubrisch anzuseh'n.
Auf Rosenroth und Lilienweiß
Rinnt über Lächeln, liebeheiß,
Die Thräne!

O Thräne traut! von Gott gelegt
In unsrer Augen Schacht,
Du bist dem Herzen, tiefbewegt,
Was Luna's Schein der Nacht:
Sei es mit Leid - mit Freud' erfüllt,
Als lautrer Himmelsbalsam quillt
Die Thräne!

Theodor Eichberger: Die Thräne.
In: Mainzer Anzeiger Nr. 277 vom 29. November 1855, S. 1083


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