Fanny
als Kind, Backfisch und Jungfrau
Von Fanny, unserm frohen Bräutchen,
Lasst heute uns, Ihr lieben
Leutchen,
Zum Hochzeitsfest ein Liedchen singen,
Worin wir lustig
Alles bringen,
Was wir aus ihren Jugendjahren
Ganz heimlich
nach und nach erfahren.
Bis glücklich sie sich that vermählen:
- Ihr braucht's nicht weiter zu erzählen. -
Als sie noch war ein Wickelkindchen
Da schlürfte schon ihr kleines
Mündchen
Am liebsten Bier in vollen Zügen,
Kein Trank macht'
ihr soviel Vergnügen
Wie des Gambrinus edle Gabe:
So gern trinkt's
kaum ein alter Knabe.
Hat damals schon das kleine Wesen
Geahnt,
dass Bayern auserlesen,
Wo's Bier der wahre Honigseim,
Zu seinem
künft'gen trauten Heim?
Doch jetzt mag sie kein Bier mehr trinken;
Von früh bis spät die Sterne blinken
Trinkt sie nur Thee! Will sie
nichts wissen
Mehr von des Bayerlands Genüssen?
O nein! Wir
dürfen wohl beteuern,
Dass trotzdem gern sie zieht nach Bayern.
- Klein Fanny war ganz auserlesen
Das Mamakindchen stets gewesen,
Und's klang, wenn's fragt' Mama so süss:
"Wallum denn das?
Wallum denn dies?"
Und sprach Mama des Abends, wenn
Es
Schlafenszeit: „Musst schön dich ducke",
Da sagt's: „Mamachen,
müssen denn
Jetzt alle Leute 'nunnerschlucke?"
Dann betet's
mit dem Kindermund:
"Gut, Nacht, schlaf wohl, kugelrund, gesund
Und morgen mach das Wetter schön,
Dass mein Mamachen kann spazieren
geh'n."
Und darauf sank es fromm in Schlaf.
- Doch Fanny
war nicht stets so brav!
Als einen Kuchen einst gar lecker
Die
Schwester bringen wollt' zum Bäcker
Lief Fanny hinten nach mit Necken,
Dass jene packte Angst und Schrecken:
Patsch! lag der Kuchen auf
der Erde
Und eingesperrt, wie sich's gehörte,
Ward Fanny als
nach Haus' sie kam
Und man die Hiobspost vernahm.
- Nicht besser
ging's ihr als die Butter,
Die ausgelassen kaum die Mutter,
Mitsammt dem Topf zu Grunde ging,
Und 's hatte doch das kleine Ding
Den Trieb zur Kochkunst nur im Kopf,
Als es herunterschmiss den
Topf.
- Da war's doch spassiger gewesen.
Als sie den hübsch
maskirten Besen,
Um zu erschrecken Henriette
Gelegt still in
der Schwester Bette,
Denn abends hatte sie indessen
Den Schalkstreich
selber schon vergessen.
Wesshalb sie fast verging vor Grauen
Wie sie den Besen that erschauen
Im Bett, da sie so ganz allein
In's Zimmer trat zuerst hinein.
Seit dieser Zeit geht Fanny immer
Mit grösster Vorsicht in ihr Zimmer,
Versäumt auch vor dem Schlafengehen
Bei Leib nicht, sorglich nachzusehen,
Ob Thür und Fenster gut verschlossen
Und leuchtet schliesslich unverdrossen
Selbst unter's Bettlein sehr
genau,
Indem sie denkt: „Der Kukuk trau."
- Hübsch theuer
ist die Fahrt gekommen,
Die sie nach Basel unternommen;
Weil
sie beachtet nicht das Datum
Naht bei der Rückfahrt sich das Fatum.
's Retourbillet war überschritten
Und Fanny musste sehr noch bitten,
Dass deshalb sie zu guterletzt
Nicht unterwegs ward ausgesetzt.
War doch das Geld ihr ausgegangen
Und als die Eltern sie empfangen,
Da mussten sie ihr Töchterlein
Mit zwanzig Mark erst lösen ein.
- In Basel war's auch ein Vergnügen;
Sie machte, kaum der Bahn entstiegen,
Eroberungen sondergleichen,
Das dürfen hier wir nicht verschweigen.
Hat doch der Dienstmann selbst in Gnaden,
Mit Kotier und Gepäck
beladen,
Ihr Herz und Hand gleich angetragen,
Indem er that
voll Liebe sagen,
Sobald sie aus der Bahnhofshalle:
"Mir
dhät' aach so e Fraa gefalle."
Wir würden weiter noch erzählen
Und gar zu gern etwas verkünden
Auch aus dem Brautstand, dem so süssen,
Weil aber Zeit und Stoff
uns fehlen,
So wollen wir aus diesen Gründen
Für heute unser
Liedchen schliessen.
Hochzeits-Zeitung zur freundlichen Erinnerung an die Vermählungsfeier von Frln. Fanny Wallerstein mit Herrn Max Oestreicher. Offenbach a. M. und Aschaffenburg am 1. Juni 1890


