Theodor Eichberger (1835-1917)


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Theodor Eichberger: Liebe und Trajekt. Mainzer Lokal-Humoreske.

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VII. Ente gut, alles gut.

Der heirathslustige "Doktor" Schaumig, welcher - seiner Ansicht nach - jetzt bei Fräulein Hackklotz und deren Eltern in besonderer Gunst stand, glaubte, nun einen entscheidenden Schritt wagen zu dürfen. Zu diesem Zwecke hatte er heute morgen seine Kunden so rasch rasirt, dass der Schaum davon flog. Gegen zwölf Uhr aber verliess er in seinem besten schwarzen Anzug, mit Cylinder und Glacé geschmückt, seine frostige Jungesellenwohnung und schritt hoffnungsvoll dem Fischthore entgegen; er gedachte in einigen Minuten Lorchens Bräutigam zu sein. - Zu derselben Zeit sass aber die Familie Presskopf mit den Gevattersleuten Hackklotz vereinigt in der guten Stube derselben bei einem Glase Wein, dem nachher ein solennes Mittags- und Versöhnungsmahl folgen sollte. Schambes und Lorchen, die schwergeprüften, hatten den Ehrenplatz auf dem Kanapee inne und strahlten vor Freude und Glück. Selbst Tante Fränz sass erfreut dabei, weil dem "Doktor" jetzt ein Riegel davor geschoben war, denn sie hatte sehr wohl bemerkt, wie der Treulose seit dem unseligen Trajektstreit Lorchen den Hof machte und sie vernachlässigte. Die Liebe sieht scharf.

Da öffnete sich die Thüre und mit würdevollen Schritten trat der festlich gekleidete Barbier ein. Er konnte aber bei dem unverhofften Anblick kein Wort herausbringen.

"Ei, Doktor, Sie brauche mich jo erscht morje zu rasire!" unterbrach Vater Hackklotz das allgemeine Schweigen. Und Herr Presskopf setzte hinzu: "Sie warn gewiss mit eme Begräbnis, Doktor, weil Se e Stänrösche uff hawwe! Wer is dann gestorwe?" - "Ich bin - ich wollte - das heisst - um die Hand -" stotterte der verlegene Freiersmann, während sein verliebter Blick von Lorchen und Schambes zu Tante Fränz schweifte, wobei ihn letztere sehr jungfräulich anlächelte. Er bemerkte es und sagte darauf rasch entschlossen: "Ich wollte Fräulein Franziska um ihre Hand bitten!"

"No, jetzt bin ich awwer eweck, wie 'm Pape sein Dus!" platzte Herr Hackklotz heraus. "Oh, das haww' ich schun lang gemerkt", setzte aber die scharfsichtige Hausfrau hinzu. - "Darf ich also hoffen, Fräulein Fränzchen?" fragte der heissblütige Barbier ungeduldig. - "Ach ja, sie dürfen, aber - 's eilt ja nicht -" stotterte Tante Fränz. - Meister Hackklotz aber fiel ein: "No, do sag nor ja, Fränz, Du bist ja alt genug dezu!" - Und sie sagte: "Ja!" Da waren zwei Brautpaare im Hause. "Das hätt ich nit gedenkt," meinte Vater Presskopf, "wie m'r all widder so in Lieb beisamme gesotze hawwe, dass Sie aach noch dhete dezu kumme, Doktor." - "Wo alles liebt, da kann 's auch Karl nicht lassen, sagt schon Schiller" 4, erwiederte der gebildete Bräutigam.

Presskopf sagte seinem Gevattermann etwas ins Ohr, worauf dieser leise entgegnete: "Ach, Du mänst, ob ich d' Doktor nit strofe wollt', wege dem Strääch, den er uns domols mit dere Adress-Unnerschrift gespielt hot? Nä, do will ich großmüthig sein, dann wann er die Fränz hot, do is er gestroft genug."

Nun begann die Mahlzeit, an welcher selbstverständlich auch der Doktor als neues Familienmitglied Theil nahm. Es schmeckte Allen vortrefflich und besonders die Enten wurden ihres zarten, saftigen Fleisches wegen allgemein gelobt. Die tüchtige Hausfrau, welche, wie wir wissen, gerade deshalb besorgt war, sagte daher am Schlusse des Versöhnungsmahles freudestrahlend:

"Ente gut, alles gut!"

4 In Schillers Don Carlos heißt es  "Wo alles liebt, kann Carl allein nicht hassen" (1. Akt, 1. Auftritt)

Theodor Eichberger: Liebe und Trajekt. Mainzer Lokal-Humoreske.
In: Mainzer Fastnachts-Zeitung 1886


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