Theodor Eichberger (1835-1917)


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Zur Beachtung

Altes Foto einer Straßenbahn in Mainz
Die Elektrisch' am Gutenbergplatz in der Ludwigsstraße

Am 15. Juli 1904 wurde in Mainz die elektrische Straßenbahn - zu Deutsch "Die Elektrisch'" - eingeweiht, die bis Ende 1904 in der Innenstadt die Pferdebahn ablöste, und später (1922-1923) auch die beiden Linien der Dampfbahn auf den Strecken Mainz-Bretzenheim-Hechtsheim sowie Mainz-Gonsenheim-Finthen ersetzen sollte; Drei Monate nach Einführung der elektrischen Straßenbahn erschien im Mainzer Anzeiger das folgende Gedicht von Th. Eichberger, das in Mainzer Mundart eindringlich die Verhaltensmaßregeln zur der Benutzung der Tram rezitiert:

Zur Beachtung.

Um dich vor Schade zu bewahre
Sobald du host mit unsrer nei'
Elektrisch jetzt emol zu fahre
Do merk' dir Folgendes debei,
Wie 's wünscht die Bürjermästerei
Un handhabt aach die Bollezei:

1.

Tu an der Haltestell hübsch waarte,
Die an 'rer Dafel du erkennst,
Damit bei dene viele Fahrte
Du nor nit wider 'n Wage rennst.

2.

Naht sich dein Wage, geb e Zeiche
Dem Wageführer, nor en Wink,
Do sieht er, daß du ein willst steige,
Un hält er still - enein dann flink.

3.

Besonders mag's gesagt dir sein:
Steig niemals weder aus noch ein,
Tut nit ganz still der Wage stehe!
Derfst uff en Zeitverlust nit sehe,
Dann räche könnt' sich das gar bitter,
Weil 's besser, e Minut' verlier'n,
Als unversehns sein' grade Glidder
Un sein' Gesundheit zu riskier'n.

4.

Wann du den Wage willst verlasse,
Gerufe werd dein' Haltestell,
Die sicher du nit willst verbasse,
Dann mach dich uff gleich möglichst schnell
Un so - dann dodruff kimmt's do an -
Damit's der Schaffner merke kann,
Der sorge muß, daß prompt der Gang
Un nit der Wage hält zu lang.

5.

Willst gern du uff der Plattform stehe,
Geb' acht, daß du nit bist der acht',
Dann siwe derfe druff nor gehe,
Drum zähl se d'r erst mit Bedacht.
Aach Kinner unner verzehn Jahr'
Sin druff verbotte ganz un gar,
Doch scheene Kinner, wie's gebührt,
Wern nit vun dem Verbot berührt.

6.

Den Schaffner sollste respektiere,
Den Wageführer loß in Ruh';
Du derfst nit mit em dischkeriere,
Der Mann hot gar kän Zeit dezu,
Muß uffmerksam sein Wage lenke
Un kann do an nix anners denke.

*

Das wärn die Punkte, die m'r soll
Beachte wie m'r's nor vermag,
Dann krieht so leicht kän Protokoll
Un aach kän Knippel m'r ans Aag!

Theodor Eichberger: Zur Beachtung
In: Neuester Anzeiger (Neuer Mainzer Anzeiger) vom 29. Oktober 1904


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