Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Arzt

(3. Fortsetzung)

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"So schlimm, steht es mit Dir nicht, trauter Albert, wie Dein Gedicht sagt," sprach Ernst beruhigend,"versuch erst, ob es auch wahr ist daß Du die Gegenliebe nicht erringen kannst."

"Ach Freund, wie kann ich an Liebe denken, da sie, die Inniggeliebte, am Rande des Grabes steht! Rettung ist hier das einzige Wort. - Und wenn sie genest, wenn ich ihre Liebe erringen könnte, wird dann ihr Vater, ein reicher angesehener Mann, mir armen Menschen ohne Existenz, ohne die nothdürftigsten Mittel, einer Frau zu bieten was zu dem Leben unumgänglich nöthig ist, wird er mir seine Tochter geben? Sieh, diese unglückliche Liebe schneidet mir auch zugleich die Wege ab, jemals das zu werden was ich eigentlich für meinen Beruf halte; denn glaube mir, daß ich nicht nach Amerika gekommen bin, um ein armseliger Schreiber zu bleiben, wozu mich anfangs nur die Noth verleitete! Nein, einen höheren Wirkungskreis wollt' ich mir schaffen, wollte den Menschen nützlich sein; auf welche Art hatte ich Dir noch nie entdeckt, Du wirst es aber jetzt bald gewahr werden, da ich muß, weil mich die Liebe, die Pflicht dazu treibt. Ach, wird es gelingen, werde ich endlich glücklich sein?"

"Ja Du wirst es, Albert! Verzage nicht! Noch bist Du ja nicht ganz unglücklich, Noch bleibt Dir ja das Glück, der Trost: die geheimsten Regungen Deiner Seele auszuhauchen in Poesieen; das in Gedichten mitzutheilen, was Dein Inneres bewegt."

"Nein lieber Ernst, diesem Trost hab' ich längstens entsagt. Das Gedicht, welches ich Dir vorhin hersagte, ist ein früheres Produkt meiner verkrüppelten Muße und kam mir blos unwillkührlich in den Sinn. Es ist Sünde, in die heilige Poesie zu pfuschen. Dichter werde ich nie, denn dazu fehlt mir der hohe göttliche Genius; was soll ich also die Zeitungsblätter mit schlechten Versen in die Welt schicken! Ueberlassen wir die Dichtkunst den Meistern. Ich! will sie nicht mehr entweihen."

"Unrecht lieber Albert! Eine grundfalsche Ansicht. Hast Du des unsterblichen Uhlands Gedicht "Freie Kunst" gelesen? Gewiß nicht. Ich will dir einige Verse 1, so gut sie mir einfallen, citiren, und ich bin versichert, keinen besseren Anwalt meiner Meinung zu finden, als diesen ächten deutschen Sänger. Höre!

Singe, wem Gesang gegeben,
In dem deutschen Dichterwald!
Das ist Freude, das ist Leben,
Wenn's von allen Zweigen schallt.

Nicht an wenig stolze Namen
Ist die Liederkunst gebannt!
Ausgestreuet ist der Samen
Ueber alles deutsche Land.

Deines vollen Herzens Triebe,
Gib sie keck im Klange frei!
Säuselnd wandle deine Liebe,
Donnernd uns dein Zorn vorbei!

Kann man's nicht in Bücher binden,
Was die Stunden dir verleih'n:
Gib ein fliegend Blatt den Winden,
Munt're Jugend hascht es ein.

Heilig achten wir die Geister,
Aber Namen sind uns Dunst;
Würdig ehren wir die Meister,
Aber frei ist uns die Kunst!

Der weitern Verse kann ich mich eben nicht entsinnen. Hörst Du also wohl was dieser erhabene Meister der Dichtkunst spricht? Folge ihm! Dichte so lang Dir noch ein Vers gelingt! Pflücke jedes Blümchen, das Dir auf dem Lebenswege blüht mit Freude, ohne auch gleich wieder zu denken, daß das Blümchen verwelkt. Und hast Du es gepflückt und Dich gefreut, so laß es auch andere schauen, welche sich gewiß auch einen Augenblick an Deinem Herzensblümchen freuen werden, wenn sie dasselbe auch nachher wieder vergessen. - Wahrlich, nicht jeder Dichter kann Unsterblichkeit erlangen; nicht eines Jeden Werke können in ewige Zeiten dauern, wie die eines Homer, denn wo sollte da der Raum zu unsren Bibliotheken hergenommen werden; aber Jeder, der den inneren Drang zum Dichten fühlt, kann und soll der Mitwelt sein Sträußchen bieten, damit die rauhe Gegenwart durch jugendliche Poesieen gemildert werde!"

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1  Ludwig Uhland (1787-1862): Freie Kunst (hier in Auszügen wiedergegeben)

Theodor Eichberger: Der Arzt. Novelle. (3. Fortsetzung)
In: Mainzer Anzeiger Nr. 100 vom 1. Mai 1855, S. 396-397


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