Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Arzt

(4. Fortsetzung)

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So unterhielten und erquickten sich die beiden Freunde noch lange in wechselnden Gesprächen. Sie waren edle gefühlvolle Menschen, welche den Werth einer geistigen Sympathie zu schätzen wußten. Und jetzt schwang sich dieses Freundschaftsband noch fester um ihre Herzen und machte sie einander unentbehrlich. Albert fühlte sein Herz unendlich erleichtert, da er dem Freund die inneren Leiden, durch dessen zarte Theilnahme angeregt, vertrauen konnte, und dieser hinwieder fand den schönsten Genuß darin, seinen liebekranken Freund zu trösten und zu ermuntern. Die wahre edle Freundschaft zweier verwandter Seelen ist eine köstliche Gabe des Himmels und flechtet sich gleich duftenden Blumen in ihr inneres Leben.

Albert gehörte zu den Menschen, welche die geräuschvollen Gesellschaften meiden und sich in der Stille und scheuer Zurückgezogenheit einzig mit den Bildern ihrer in sich selbst flammenden Phantasie beschäftigen. Daher war auch seine Liebe so leidenschaftlich und ward durch die rege Einbildungskraft immer heftiger gesteigert, bis sie zuletzt zur verzehrenden Flamme aufloderte, die alle anderen geistigen Eigenschaften zu zerstören drohte, wenn er sich noch länger den einsamen phantastischen Träumen überlassen hätte. Da er sich nun aber einem Freunde, dessen herzliche Zuneigung bewies, daß er ihn aufrichtig schätzte, vertrauensvoll mitgetheilt hatte, und dieser seine Liebe nicht verwarf, sondern ihm Muth und Hoffnung zusprach, und durch einen gesunden Humor ohne stechenden sarkastischen Witz eine lebendige Heiterkeit über sein liebekrankes Gemüth zu verbreiten suchte, so richtete sich sein Geist wieder auf und das wiederkehrende männliche Selbstbewußtsein ließ ihn nicht untergeben im Sturm der Leidenschaft.

Die stärker werdende Dunkelheit erinnerte die beiden Freunde, daß es bereits spät geworden war und sie trennten sich, mit einer herzlichen Umarmung. Albert ging langsamen Schrittes seiner Wohnung zu. Sein sinnend gebeugtes Haupt ließ glauben, daß er über einen wichtigen Gegenstand nachdenke oder irgend einen festen Entschluß zu fassen bemüht war. Als er so eine Zeitlang mit eingesunkenem Körper und mechanischen Schritten dahin gegangen war, schaute er plötzlich mit fast fröhlichem feuriges Blick zu dem tiefblauen Abendhimmel empor, während sich seine ganze Gestalt zu einer erhaben majestätischen Stellung aufrichtete und sprach zu sich selbst:

"Ja ich muß dich retten, innig geliebte Marie! Die heilige Liebe wird mir helfen, das zu vollbringen, was der Arzt für unmöglich hält. Ich werde dein junges, dein blühendes Leben befreien von der Krankheit, die es so schwer bedroht! Ein hohes, noch nie gefühltes Selbstbewußtsein ist über mich gekommen, mir Kraft und Muth zu geben, und zeigt mir schon im Geist deine schönen Züge neu aufblühen, deine himmlisch blauen Augen ihr mildes Feuer in neuem Glanze strahlen und, deine edle würdevolle Gestalt leicht, gleich einer Grazie daherschweben wie sonst. Ob ich dich freilich, wenn diese glückliche Ahnung in Erfüllung geht, für mich gerettet habe, ist mir ungewiß. - Nun, wenn ich auch diesen schönen Lohn nicht erringen kann, so bleibt mir doch das Bewußtsein, einen so herrlichen Engel dem frohen Leben wiedergegeben zu haben, und dieses Bewußtsein ist mir schon ein göttliches Geschenk.

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Theodor Eichberger: Der Arzt. Novelle. (4. Fortsetzung)
In: Mainzer Anzeiger Nr. 101 vom 2. Mai 1855, S. 400-401


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