Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Arzt

(12. Fortsetzung)

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Genug, Marie war nach etwa drei Wochen wieder so hergestellt, daß sie schon auf kurze Zeit das Bett verlassen konnte; Ob nun Alberts Arzneien und glückliche Heilmethode einzig und allein diese plötzliche und schnelle Wendung der Krankheit hervorgebracht hatten, wagen wir nicht zu behaupten. - Marie war seit Alberts Besuchen so sanft und zufrieden, wie noch nie; ein stilles, sehnsüchtiges Feuer glänzte aus ihren Augen, statt dem früheren unruhigen, oft wilden Blick; ihr ganzes Wesen verklärte eine innere Glückseligkeit. - Daß auch Albert glücklich war, brauchen wir kaum zu berichten, und nur zuweilen wurde seine Heiterkeit durch einen Gedanken und Zweifel an die Zukunft getrübt.

In derselben Zeit, als Mariens Genesung beinahe vollendet war, kam eines Tages wieder Dr. Vaage, der sie noch immer besuchte und Recepte verschrieb, wovon aber natürlich keins gebraucht wurde, angefahren. - Herr Hübner hatte ihm absichtlich, mit Einwilligung Alberts, nichts von dessen Behandlung der Patientin gesagt, weil er im Voraus dessen heftige Einsprache fürchtete. Deßhalb ließ er ihn auch noch fortwährend seine Besuche abstatten, und Herr Dr. Vaage machte sich schon das schmeichelhafte Compliment: die Miß Mary sei durch seine Kunst und zweckmäßigen Arzneien geheilt worden.

Als Herr Hübner mit dem Doktor eintrat, hatte Marie das Bett verlassen und stand, auf Louise gelehnt, am Fenster.

"Wünsche guten Morgen Misses!" grüßte der Doktor und fuhr fort: "Ah Miß Mary! Wieder ganz munter, ganz blühend! Bin sehr erfreut, daß die Genesung so schön von Statten geht. Sehen Sie wohl, mein lieber Mister Hübner, wie schnell Ihre Tochter wieder geheilt wurde? Aber ich muß Ihnen doch sagen, Mister, daß ich glaube, Sie haben früher meine Anordnungen etwas umgangen und die vorgeschriebenen Arzneien vernachläßigt, sonst hätte unmöglich die Krankheit den hohen Grad erreichen können, und Ihre Tochter wäre schon längst genesen!"

Herr Hübner, welchen diese unbegründete Vorwürfe und die prahlerische Eigenliebe des Doktors ärgerten, antwortete: "Nein, Herr Doktor! da irren Sie sehr. - Ihre früheren Arzneien wurden sehr pünktlich angewendet, die letzten aber gar nicht! - Ich muß Sie berichten, daß nicht Sie es sind, der meine Tochter gerettet hat, wo sie wahrscheinlich nicht mehr wäre, sondern daß ein anderer ehrenwerther junger Mann, der auf meinem Comptoir schreibt, sie während drei Wochen behandelte und Arzneien verordnet hat. - Wie sich der Erfolg bewiesen sehen sie nun selbst."

Dr. Vaage war wie aus den Wolken gefallen. Er ließ erst vor Staunen, die silberne Dose auf den Boden fallen: dann schwoll sein fleischiches Gesicht zu einer dunkeln Zornesröthe an und er rief: "Was? Sie haben mich alle bloß zum Schein herkommen lassen! - Wird denn die Quacksalberei in Amerika täglich ärger? das ganze Land läuft voll von maulfertigen Charlatanen mit Wundersalben und simpathetischen Sprüchlein. - Das hätte ich nie gedacht, Mister Hübner, daß auch Sie, als ein aufgeklärter Mann, sich so bethören ließen, und einem elenden Wunderkrämer Glauben schenkten. Sie sagten, es sei einer Ihrer Schreiber, und er ist folglich noch hier! Wollen Sie mir nicht den frechen Burschen vor Augen stellen, daß ich seine Rechtfertigung sehen kann? Sie können von gutem Glück sagen, und es ist ein sehr günstiger Zufall, daß es so gut ablief; leicht hätte es schlimmer gehen können, und Sie hätten für Ihren Leichtsinn die Gewissenbisse zum Andenken."

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Theodor Eichberger: Der Arzt. Novelle. (12. Fortsetzung)
In: Mainzer Anzeiger Nr. 110 vom 12. Mai 1855, S. 437


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