Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Arzt

(18. Fortsetzung)

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V. Das Geständniß.

"Ach lieber Vater!" sagte andern Tages Marie, "heute ist so ein wunderschöner Tag und ich habe solche Sehnsucht nach unserm Garten, daß ich gleich, wie Herr Lindloff kommt, fragen will, ob ein Spaziergang dahin, nichts schaden würde."

"Ich glaube nicht, daß er Dir schadet; zudem ist unser Garten ja nicht sehr weit und Du brauchst Dich nicht so lange dorten zu verweilen. Willst Du gehen oder fahren, Töchterchen?"

"Ich werde am liebsten gehen, um das bunte Gewimmel auf den Straßen wieder zu sehen."

"Nun so gehe! Es ist mir leid, daß mich wichtige Börsengeschäfte abhalten, Dich zu begleiten; doch wird Louise mitgehen und wenn Du es wünschst, werde ich auch Herrn Lindloff ansprechen."

"Thun Sie das, lieber Vater! Herr Lindloff weiß doch am besten, wie lange ich im Freien bleiben kann und seine Gesellschaft ist mir angenehm."

"Es ist wahr! Ich habe den jungen Mann durch seine liebenswürdige Bescheidenheit, Kenntniß und ehrliches aufrichtiges Wesen so lieb gewonnen wie einen Sohn und ich glaube, mein Mariechen wird ihn, wenn ich nicht irre, vielleicht noch lieber haben! - Du brauchst nicht so zu erröthen! - Ich höre Tritte, er wird wahrscheinlich kommen."

Und so wars. Nach einem leichten Klopfen trat Albert, höflich grüßend, herein.

"Ach guten Morgen lieber Doktor!" sagte Herr Hübner, ihm wohlwollend entgegen gehend. "Gut daß Sie kommen! Meine Marie möchte das schöne Wetter benutzen und unsern Garten besuchen; deßhalb will ich Sie um Erlaubniß fragen?"

"O das dürfen Sie, ohne der Gesundheit zu schaden, geehrtes Fräulein!" sagte Albert auf Marien zutretend, welche noch immer rothglühend dastand. "Es wird sogar nützlich sein, da im Freien das Gemüth erheitert und fröhlich gestimmt wird und beim Anblick der schönen Gottesnatur ein heiliger Friede in die Brust des Menschen einzieht."

"Und Sie werden mich begleiten?" fragte Marie schüchtern, mit gar holdseligen Blicken.

"Ja, gehen Sie mit," fiel der Vater lachend ein. "Ich bin ohnedem verhindert und Louise ist zu wild, um eine ordentliche Begleiterin für meine noch kranke Marie zu sein. Doch mag sie auch mitgehen, da sie gewiß auch gern wieder ihre Blumen sehen will. Nun, ich will sie rufen, damit das schöne Wetter nicht ungenutzt verstreicht."

Albert und Marie waren allein. Ersterer war zu glücklich, durch den Gedanken, die Geliebte begleiten zu dürfen und auch zu schüchtern, um sogleich Worte zu einer Unterhaltung zu finden. Auch Marie war verlegen und konnte die Empfindungen ihrer Brust kaum bewältigen. Doch faßte sie sich und sagte mit lieblicher Stimme: "Nicht wahr! ich quäle sie recht, Herr Lindloff? Ich bin halt noch immer nicht ganz gesund und von den kranken Grillen befreit."

"O sprechen Sie nicht so!" antwortete Albert halb stammelnd. "Ich rechne es zu meinen schönsten Stunden, bei Ihnen verweilen zu dürfen!" -

Weiter konnte er nichts vorbringen. Zum Glück trat Herr Hübner mit Louise ein.

Nach Erwiederung von Alberts Gruß hüpfte sie fröhlich auf Marien zu und jauchzte: "Das war ein köstlicher Einfall, Schwesterchen! Meine Pflegekinder, die Blumen, hängen gewiß alle ihre Köpfchen und weinen helle Thauperlen, daß ich so lange nicht bei ihnen war. - Komm laß uns gleich gehen!"

Die Damen waren bald fertig und mit Albert auf dem Wege zum Garten. Die Unterhaltung war ungemein lebhaft, da die humoristische Louise durch ihre kindlich naiven Witze stets etwas zum Lachen gab. - Als sie kaum im Garten waren, sagte sie "Jetzt müssen Sie mich aber entschuldigen, da ich gleich zu meinen Blumen eilen will, wo ich auch ein paar recht hübsche Sträuße pflücken werde. Nicht wahr, Mariechen, Du bist nicht böse, wenn ich Dich ein wenig allein lasse?" Sie sagte dieses mit einem schalkhaften Lachen, welches zu verstehen gab, daß sie noch andere Ursachen, als die Blumen, dabei haben mochte. Mit beflügeltem Schritt hüpfte sie fort und sang dabei mit silberheller Stimme:

"Herrlich ist's, in reiner Luft
An der Brust
Heiliger Natur zu leben!
Und mit muntrem Gang und Scherz,
Ohne Schmerz,
Durch das Leben hinzuschweben.

Jugend kehret nie zurück!
Jugend-Glück
Schlürfet in des Lebens Maien.
Laßt uns voller Seligkeit
Diese Zeit
Nur der Lust, dem Frohsinn weihen!

Seid den schönen Blumen gleich,
Die so reich
Flur und Hain und Garten schmücken;
Die mit wonnevollem Duft
Reich die Luft
Füllend, Aug' und Herz erquicken!"

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Theodor Eichberger: Der Arzt. Novelle. (18. Fortsetzung)
In: Mainzer Anzeiger Nr. 117 vom 22. Mai 1855, S. 464-465


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