Theodor Eichberger (1835-1917)


⌂ Home > Dichter > Erzaehlungen > Der Arzt:

Der Arzt

(21. Fortsetzung)

 << zurück 

VI. Der Schluß des Genesungsfestes.

In dem prachtvollen Salon des Kaufmanns Hübner war alles auf's festlichste ausgeschmückt. Es waren schon mehrere Gäste zugegen und der alte Kaufherr war so voll Freude und rüstiger Geschäftigkeit, wie es nur ein junger Mann sein könnte; überall war er zugegen und mit Grüßen und Vorstellen der Gäste gegen einander beschäftigt. - Nach einer Weile, als schon ziemlich die meisten Gäste versammelt waren, trat Marie, die Königin des Festes, in einfacher, aber sehr geschmackvoll gewählter Kleidung ein; ein leises "Ah" der Bewunderung stahl sich aus jedem Munde. Sie war in der That auch eine vollendete Schönheit zu nennen. Ihr schönes Antlitz hatte durch die Krankheit an Klarheit zugenommen und die nur leicht gerötheten Wangen gaben ihren Zügen einen schmachtend bezaubernden Ausdruck, während die himmlisch blauen Augen ein schwärmerisches, liebeglühendes Feuer blitzten.

Sie wurde von allen Seiten mit der größten Achtung, wie sich wohl denken läßt, empfangen und bewillkommt und mancher junge Mann fühlte bei dem Begegnen ihres Blickes ein leises und oft starkes Herzpochen.

Nach überstandenem Vorstellen, Beglückwünschen und Complimentiren führte sie der Vater zur Tafel. Ihr Auge schweifte unruhig umher und schien mit Sehnsucht den geliebten Mann zu suchen. Endlich trat dieser, in Begleitung seines auch geladenen Freundes Ernst Klima, ein.

Herr Hübner eilte ihm sogleich, die Hand reichend, entgegen und stellte ihn der Gesellschaft als seinen Hausfreund und Retter seiner Tochter, Herrn Dr. Lindloff, vor. - Albert war zu schüchtern und verlegen über die große Aufmerksamkeit, welche ihm Herr Hübner erzeigte, und auch seit langer Zeit zu wenig in den glänzenden Zirkeln geübt, als daß er sich sogleich hätte fassen können. Er hatte auch hier nur einige Bekannte des Kaufherrn erwartet und fand eine glänzende Gesellschaft von etwa dreißig Herren und Damen. - Zum Glück war Ernst stets an seiner Seite und ermuthigte ihn, nicht in Verlegenheit zu kommen.

Er machte Marie in schüchternen Worten seine Aufwartung, welche ihm aber mit offener, herzlicher Stimme dankte.

So ergeht es vielen jungen Männern, welche wie Albert das geräuschvolle Leben oder die oft sehr langweiligen Conversationen großer Gesellschaften nicht lieben und sich deßhalb in die Einsamkeit zurückziehen, wo sie sich bessere Nahrung für Geist und Herz verschaffen können, als in jenen Zirkeln. Werden sie dann zufälligerweise plötzlich in eine große Gesellschaft unbekannter Personen hineingezwängt, so ist ihr Betragen so schüchtern, daß es leicht für Tölpelhaftigkeit und Dummheit ausgelegt werden kann und wird.

"Nun werthe Gäste, wollen wir die Tafel beginnen!" sagte Herr Hübner einladend. - Er hatte die Plätze so geordnet, daß er an das Ende der Tafel zu sitzen kam; zu seiner Rechten saß Albert und zur Linken Marie. - Louise machte die geschäftige Wirthin und bediente die Tafel mit einer Leichtigkeit und Grazie, daß Herr Hübner seine wahre Freude daran hatte. Von Zeit zu Zeit warf sie gar schalkhaft lächelnde Blicke auf Marien und nickte ihr Beifall.

Albert und Marie fühlten sich nicht sehr wohl in der großen Gesellschaft, wo so viele Blicke auf sie gerichtet waren, und getrauten sich kaum aufzublicken. Es ist überhaupt für Liebende ein sehr unangenehmes Gefühl, in einer Gesellschaft ihre Liebe verbergen zu müssen, und besonders bei einer Tafel, wo die Regeln des Anstandes noch genauer zu beobachten sind als sonst.

 weiter >> 

Theodor Eichberger: Der Arzt. Novelle. (21. Fortsetzung)
In: Mainzer Anzeiger Nr. 120 vom 25. Mai 1855, S. 476


Seitenanfang
Portrait| Dichter| Humorist| Bildhauer
Sitemap| Suche| Kontakt
Mainzer Sand Max Ginner M.U.L.E.