Theodor Eichberger (1835-1917)


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Der Arzt

(Schluß)

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Als die Tafel glücklich beendet war und die Gesellschaft sich gruppenweise im Saal zerstreute, zupfte Louise ihren Vater am Arm: "Nur ein Wort, Väterchen!" und zog ihn in ein Nebenkabinet. Dort angekommen, sagte sie mit treuherziger Miene: "Ach liebstes bestes Väterchen! Ich hätte eine recht wichtige Bitte an Dich und wenn ich hoffen dürfte, daß Du mir sie nicht abschlagen würdest, so wollte ich sie vortragen!"

"Welche Sprache führst Du, Louise?" sagte Herr Hübner etwas ärgerlich, "bin ich denn ein so harter Vater gegen Euch, daß Du erst fragst, ob ich sie nicht abschlage? Du siehst, ich bin heute so sehr vergnügt, daß ich Dir gern etwas und wenn es auch viel ist, gewähren will. - Hast Du vielleicht ein neues Kleid bei den anwesenden Damen gesehen und möchtest auch ein's haben? Sag es nur immer!"

"O nein! Es ist nicht für mich, was ich bitten wollte, sondern für Marie! Wenn Du unsre liebe Schwester heute zum Schluß dieses schönen Festes ganz glücklich machen willst, so vereinige sie mit Herrn Lindloff! - Ja, ja! Verwundere Dich nur nicht so; die Beiden sind erschrecklich verliebt ineinander, das weiß ich, denn ich habe sie gestern im Garten belauscht. - - Aber nun Väterchen! da ich Dir die armen Liebenden verrathen, wirst du auch deine Einwilligung geben. Nicht wahr! das thust Du?" Damit streichelte sie ihm zärtlich bittend die Wangen.

"Das sind aber ganz neue, unerwartete Geschichten!" sagte Herr Hübner überlegend. "Nun wenn sie sich halt lieben, ist's mir schon recht! - Komm, laß uns in den Saal gehen; ich werde handeln wie es recht und am besten ist."

Als sie eintraten, stand Albert im Gespräch mit Marien in einer Fensternische, abgesondert von der übrigen Gesellschaft. Der Kaufherr klopfte ihm auf die Schulter und sagte mit spaßhaftem Ton: "Das ist aber nicht Recht, Herr Doktor! daß Sie meine Marie so ganz der übrigen Gesellschaft entziehen, und Du, Töchterchen, solltest Dich ein Bischen mehr um unsere Gäste bekümmern!"

"Verzeihe lieber Vater! Ich bin noch nicht in der Verfassung, mich heiter mit den Gästen zu unterhalten, wie es doch sein müßte; deßwegen habe ich mich lieber zurückgezogen. Auch darf ich mich nicht so sehr anstrengen!"

"Ja so! daran hatte ich nicht gedacht! - Herr Lindloff, ich bitte Sie, da sich die Gäste schon anfangen zu entfernen, hier zu bleiben, damit wir in unserem engeren Familienkreis noch ein Stündchen verplaudern können."

"Mit Vergnügen!" antwortete Albert. - Der Vater ging hierauf mit Marien zu den Gästen, um die Fortgehenden zu geleiten. Albert war in Gedanken versunken am Fenster stehen geblieben, als Louise vertraulich zu ihm kam und sagte: "Wie so in Gedanken Herr Doktor? Gewiß um Marie? - Wissen Sie was, der Vater ist heute so sehr gut gelaunt - fordern Sie von ihm die Hand meiner Schwester!"

"Fräulein, Sie überraschen mich! Wie dürfte ich dieses wagen, da mich Ihr Herr Vater schon mit so vieler Güte, die ich nicht verdient, überhäuft hat!"

"Das müssen Sie wagen! damit unser Mariechen nicht wieder krank wird. Folgen Sie meinem Rath, sonst muß ich es für Sie thun!" Damit hüpfte Sie fort.

Albert blickte starr auf die Straße. Die wenigen Worte Louisens hatten ihn aus seinen süßen Träumereien erweckt und an die Wirklichkeit erinnert. Er dachte an Lessing's Worte in Emilia Galotti: "Noch einen Schritt vom Ziele, oder noch gar nicht ausgelaufen sein, ist im Grunde eins," und wollte fast verzagen, ob ihm dieser letzte Schritt gelingen werde. Zwar dünkte es ihm nicht unmöglich, daß Mariens Vater einwilligen würde, da er ihm schon so viele Freundschaft erwiesen hatte; aber konnte er keinen Anstand an seiner Armuth nehmen? Freilich bekam er eine hübsche Anzahl Patienten zu behandeln, aber dies war im Augenblick noch kein gesichertes Auskommen. Und hieß es nicht die erzeigte Freundschaft des Kaufmanns im höchsten Grad mißbrauchen durch solchen Antrag?

Und doch war er auch Marien, nachdem er um Gegenliebe gefleht und sie erhalten hatte, schuldig, bei ihrem Vater um ihre Hand zu werben. - Diese und ähnliche Gefühle bewegten wechselweise, bald mit Freude, bald mit Wehmuth die Brust des jungen Mannes und hätten ihn fast auf der letzten Stufe seines Glückes zagend gemacht, wäre nicht Marie wie ein milder Engel zu ihm getreten. "Lieber Albert! Du bist ja noch so ganz allein hier, und so traurig?" lispelte sie, vertraulich ihren Arm auf seine Schulter legend. "Welche Sorgen haben sich auf Deine Stirn gelagert! Bist Du nicht glücklich?"

 "O ja! bei Dir und durch Deine Liebe unendlich, theure Geliebte!" antwortete er, sie heftig umschlingend. "O, wären wir nur am Ziel und ich dürfte Dich vor aller Welt mein nennen!"

"Kannst Du zweifeln, daß wir dahin kommen? Komm, laß uns zum Vater gehen, er erwartet uns."

 Albert folgte in das Wohnzimmer, wo Herr Hübner mit Louise schon zugegen war.

"So recht Kinder, daß Ihr kommt!" rief Herr Hübner den Eintretenden freudig entgegen. "Fast hätte ich geglaubt, unser lieber Doktor hätte meine Einladung vergessen."

Verwirrt sagte Albert einige Worte der Entschuldigung.

"Nun, schon gut, schon gut!" fiel der Kaufherr ein. "Nehmen wir zusammen Platz. - Also Herr Doktor Lindloff, jetzt komme ich zur Ursache meiner Einladung an Sie. Meine Tochter ist durch Ihre Kunst jetzt glücklich und vollkommen genesen und wir müssen Ihnen insgesammt unsern herzlichsten wärmsten Dank sagen. - Da ich aber meinen Dank nicht blos mit Worten sagen, sondern auch in der That beweisen will, so frage ich Sie herzlich: ob Sie nicht irgend eine Bitte an mich haben? die ich mit Freuden, wenn sie nur irgend in meinen Kräften steht, gewähren will! Reden Sie, lieber Doktor!"

Dabei sah er Albert mit einem freundlichen, aber scharf prüfenden Blick an. - Dieser, äußerst verwirrt durch diese unerwartete Frage und unschlüssig, was er antworten solle, sagte kleinlaut:

"Ich hätte wohl eine Bitte, bester Herr Hübner! Wenn ich - wenn ich nicht fürchtete - Ihre Güte zu mißbrauchen!"

"Fürchten Sie sich nicht! Nur frei herausgesagt!"

"Nun so wag ich's denn!" rief A1bert mit Feuer und erhob sich von seinem Sitz: "Ich bitte Sie feierlich um die Hand Ihrer Fräulein Tochter Marie, die ich über alles liebe!"

"Das ist zu viel verlangt, lieber Herr Doktor! - Die kann ich Ihnen leider nicht geben," sagte Herr Hübner und stand ebenfalls auf.

"Vater!" rief Louise, bittend auf ihn zueilend. "Lieber Vater?" Marie und sank schluchzend in seine Arme. - Albert stand wie versteinert.

"Nun Ihr närrischen Kinder! laßt mich nur los," sagte Herr Hübner gerührt und fuhr fort: "Ich meine ja nur, daß ich dieses nicht könnte, weil ich meinen Kindern freie Wahl lassen will und sie ihre Hand selbst zu verschenken haben. - Da, gib Deinem Geliebten, den ich mir so gern zum Schwiegersohn wünsche, die Hand! Dein Herz wird er ja doch schon längst besitzen!"

Marie und Albert, keiner Sprache mächtig, umarmten sich innig und weinten Thränen der Freude und Liebe. - Dann knieten sie vor den gerührten Vater hin, ihm zu danken und seinen Segen zu erflehen. Dieser sprach: "Meinen und des Himmels besten Segen über Euch! Ihr Lieblinge meines Herzens!" Damit hob er eins nach dem andern auf und drückte sie an die freuderfüllte Brust, während einzelne Wonnethränen über seine Wangen rollten.

"Bravo! So ist's recht!" jubelte Louise. "Nun kann ich doch den linken Flügel für zwei Leute, und noch dazu für ein so glückliches Pärchen, herrichten!"

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Theodor Eichberger: Der Arzt. Novelle. (Schluß)
In: Mainzer Anzeiger Nr. 121 vom 26. Mai 1855, S. 480-481


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